Apothekenwechsel im Martinsviertel

Vor rund sieben Jahren schrieb der Stern, Darmstadt sei die Stadt mit der höchsten Apothekendichte (pro Einwohner) Deutschlands. Inzwischen sind es weniger geworden, erstens weil Apotheken schließen und zweitens es mehr Darmstädter geworden sind. Aus den zwei Apotheken am Willy-Brandt-Platz wurde beispielweise eine (die Fuchsche Apotheke übernahm die Fleming-Apotheke und zog in deren Räume), woanders machte eine ganz zu. Und nun heißt es „Abschied von der Martins-Apotheke„. Die Apotheke schließt, weil die Engel-Apotheke den Zuschlag des Vermieters für die Apotheke im bald benachbarten Quartierszentrum bekommen hat.

Und wie es der Zufall will: Die Martins-Apotheke war auch 2003 Thema im Stern-Artikel, und so wissen wir jetzt nicht nur das Ende, sondern auch den Anfang: Weiterlesen

Brennpunkt Darmstadt: No Angels, Kanzlerin und die Verschwörung gegen Sarrazin

Yes, endlich! Darmstadt war diese Woche Dreh- und Angelpunkt der Republik. Hier lief der Prozess gegen eine Sängerin zuende, die Bundeskanzlerin besuchte das ausgezeichnete Plus-Energiehaus an der TU-Darmstadt und ein Focus-Redakteur bricht eine Lanze für Thilo Sarrazin.

Was das letzte mit Darmstadt zu tun hat? Der Redakteur macht aus dem inzwischen zu Eis erstarrtem Kaffee einer Sarrazin-Äußerung hier im Juni eine Verschwörung des hiesigen dpa-Mitarbeiters.

Ich weiß ja nicht, auf wen verlasse ich mich mehr nach einem mündlichen Vortrag, wie dem Sarrazins? Auf die Truppe, die sich hat berieseln lasssen, oder auf den der mitgeschrieben hat? Und dann gibt es noch so Weisheiten wie „wenn es quackt wie eine Ente, ist es eine Ente“.

Und ich dachte ja Journalisten sind eigentlich verschwörungsresistent, Konspiration wird uns schließlich an jeder Ecke präsentiert. Ist ja auch logisch, Verschwörungstheorien erklären perfekt, warum wie was gelaufen ist. Nur in der Regel läuft es eher blöd als konspirativ. Naja, und dann ist das vermeintliche Verschwörungsopfer ja manchmal auch nicht das hellste und hat auch Fehler gemacht – die es nur nicht einsehen will, ja nicht einmal nicht einsehen muss – war ja schließlich eine Verschwörung. Der perfekte Zirkelschluss.

Und selbst wenn im Juni falsch berichtet worden sein sollte, dann halte ich mich immer noch an Josef Joffe: „Versuche nie durch Konspiration zu erklären, was auf Chaos oder Inkompetenz zurückgeführt werden muss.“ Aber dass der Mann vom Focus an eine Verschwörung denkt, lässt sich ja auch wieder auslegen und an Verschwörung denken.

Nachtrag: Jörg hat festgestellt, dass Sarrazin was mit einem Charakter aus (dem) einen Darmstädter Lokalschwank gemeinsam hat …

Und wenn ich jetzt nochmal die dpa-Meldung anschaue und das was Sarrazin zur Zeit sagt, weiß ich gar nicht so recht, was der Focus-Redakteur da retten wollte?

Nachtrag, 7.9.2010: Mir erzählte jemand, der beim Sarrazin-Vortrag in Darmstadt dabei gewesen war, dass das was in der Zeitung stand so nicht gesagt wurde. Und dann ist da noch RP-Online:

Der Gastgeber der Veranstaltung, die Arbeitskreise Schule-Wirtschaft der Unternehmensverbände Südhessen, wandte sich gegen diese Darstellung: „Ein Zusammenhang von ethnischem Hintergrund und Intellekt wurde so von Herrn Sarrazin nicht hergestellt“, sagte der Geschäftsführer der Arbeitskreise, Reinhold Stämmler.

Hm. Den Geschäftsführer habe ich auch ein paar Mal getroffen und von dem würde ich auch nicht sagen, dass er lügt.

Aber das wird sich aufklären. Die Staatsanwaltschaft ermittelt ja und nach meinen Informationen hat sie die Teilnehmerliste der Veranstaltung angefordert.

Nachtrag, 6.10.2010: Die Sätze, die soviel wirbel machten, fielen in den letzten fünf Minuten wurde mir gesagt. Und auch, dass sie gefallen seien.


1. Der dpa-Mitarbeiter und ich kennen uns und ich habe auch für die dpa geschrieben.
2. Ein Diskussion, ob TS recht hat oder nicht – wie sie bei Stefan Niggemeier losgebrochen ist – werde ich nur sehr eingeschränkt zulassen. Wer das will, kann das in seinem Blog tun oder eines aufmachen. Ich empfehle WordPress.

Deutsche Annington – die ungeplante Echo-Serie

Manche Dingen fallen einfach zusammen. Wie diesen Monat Echo-Artikel über die Deutsche Annington:
16. August: Mängel und Schandflecke am Hauptbahnhof

Seitdem das Haus nicht mehr der Bahn gehöre, passiere „gar nichts“. Der Besitzer, die Deutschen Annington, sei nicht zu erreichen, der für die Immobilie zuständig Hausmeister auch nicht, sagt eine Mieterin.

19. August: „Bundesweit nur rausholen

Der Mieterverein kennt das Unternehmen mit seinem „Schön, hier zu wohnen“-Slogan schon länger. „Der stimmt“, sagt Geschäftsführerin Heilmann ironisch, „problematisch wird es, wenn man etwas braucht.“ Das Unternehmen wolle „nur rausholen, doch nichts investieren“. Dem widerspricht Annington-Sprecherin Katja Weisker. Der Investor hinter der Annington (die britische Terra Firma) habe bisher keine Dividendenauszahlung bekommen. Das Geld gehe in die Sanierung, die Bestände und das Unternehmen.

20. August: Der Mietvertrag fehlt – Amtsgericht entscheidet voraussichtlich im Spätherbst

Der Richter gab auch einen Hinweis auf die künftige Miete, wenn man Zu- und Abschläge des Darmstädter Mietspiegels berücksichtige. Dabei kam er sogar auf einen zehn Cent niedrigeren Quadratmeter-Mietzins.

26. August: Angst vorm Aufzug

Mieter: Der Fahrstuhl in einem Hochhaus ist notorisch kaputt, weil sich die Deutsche Annington nicht kümmert. Unternehmen: Ein Außendienst fahre die Mieter mit ihren Anliegen sukzessive ab.

Wie mir gesagt wurde, besteht der Außendienst aus 220 Mitarbeitern, die bundesweit täglich 1300 Termine abarbeiteten. Wenn man das stumpf rechnet, sind das 5,9 Termine am Tag, bei einem Acht-Stunden-Tag hat ein Mitarbeiter für jeden Termin mit Anfahrt etwa 81 Minuten Zeit.

Nachtrag, 28.1.2011: „Vermieter muss auch investieren“ – Niederlage für Annington am Amtsgericht: Mieter muss keinen Zuschlag für Schönheitsreparaturen zahlen

Schnelle Justiz: Urteil fünf Monate nach Raubüberfall

Sowas hat man ja selten bei einem Prozess: Zwischen Tat und Urteil liegen nur fünf Monate, sieben Kameras zeichneten den Tankstellenüberfall auf, ein Räuber wurde noch am Tatort gestellt und kein Video war verschwunden.

Echo online: Sieben Kameras filmen den Tatablauf – Gericht: Tankstellenüberfall in Arheilgen – Haftstrafen für die jugendlichen Täter aus Offenbach und Neu-Isenburg

Was man wieder sieht: Bei schwerem Raub (nicht unter drei Jahren, es sei denn minderschwerer Fall) verstehen die Gerichte auch bei noch jugendlichen Ersttätern keinen Spaß.

Im Gedränge

Samstagabend musste ich wegen der Loveparade an das große Fest in der Innenstadt Ende Mai 2006 denken. Nein, da war nichts passiert, aber beim „Juli“-Konzert war es damals auch übervoll. Als ich meine Position wechseln wollte (ich war zwar irgendwo vorne, sah die Sängerin nur, wenn sie ganz vorne stand), war ich in einem Menschenstrom, in dem es minutenlang nur gemeinsam vorwärts ging. Wenn da was passiert wäre – ich weiß es nicht.

Wie schoben uns irgendwie gegenseitig dichtandichtaneinandergepresst Richtung Schloss und als ich da nach gefühlten 20 Minuten aus der Sardinenbüchse draußen war, entschloss ich mich lieber heimzugehen. So ein Gedränge hatte ich bis dahin noch nie erlebt. Und der Kommentar im Echo am folgenden Montag, stellte auch fest, dass glücklicherweise alles glatt gegangen war. Seitdem gibt es beim Schlossgrabenfest Einlasskontrollen, gegebenenfalls Zugangsbeschränkungen und Getränke nur im Plastikbecher.

(Leider ist mein Blogeintrag von damals nicht mehr da, es bleibt nur der kurze Eintrag bei der Besserwisserseite (den Link zu curious creatures kann man daher ignorieren.)

Juli 1989 – „Das Omen“, ein Hit aus Darmstadt

Im Juli vor 21 Jahren stürmte ein Bessunger die Hitparaden. Michael Krautter, Abiturient auf der Marienhöhe (und bei mir im Jahrgang) vertrieb im Sommer 1989 mit „Das Omen“ – einer der ersten Eurodance-Hits – und seiner Band „Mysterious Art“ das schwedische Pop-Duo „Roxette“ von der Spitze der Charts. Wer von den Älteren sich erinnert: Der Song begann mit einem von Gustav Gründgens gesprochenen Mephisto-Zitat vom Band.

Michael Krautter (der Keyboarder im Video), der inzwischen mit seiner Familie in Kanada lebt und arbeitet, erinnert sich: „‚Mysterious Art‘ habe ich als Künstlernamen zum ersten Mal im April 1988 benutzt. Zwei Monate später kam Stephanie Trautmann dazu. Mit ihr entstand das Mystic-Classic-Dance Konzept von ‚Mysterious Art‘.“ Im September komponierte er dann die erste Instrumentalversion von „Das Omen“auf einem Commodore 64.

In der Aschaffenburger Diskothek „Aladins“ wurde der Song noch im gleichen Monat um Mitternacht erstmals gespielt. „Wir glaubten es kaum als der ganze Tanzboden zu beben begann und alle Teenies nach meiner Musik mit dem geheimnisvollen ‚Das Omen‘ Sprechgesang tanzten“, blickt Krautter zurück. „Ohne Frage, das war ein irres Gefühl.“ Eine Kopie der Kassette ging unter der Hand weiter und so lief „Das Omen“ bald in zahlreichen Diskotheken im Raum Frankfurt und Wochen später in ganz Deutschland. „Ohne, dass auch nur eine einzige Platte davon gepresst war“, betont der Künstler. „Ein PhänOmen“.

Es folgte ein Plattenvertrag, der Aufstieg in der Hitparade und Auftritte bei der ARD-Popmusiksendung „Formel Eins“ mit Krautter am Keyboard. „Als wir im Juli 1989 auf Platz 1 der Media Control Charts gelandet sind und neun Wochen Nummer eins blieben, haben wir natürlich alle nur gestaunt und uns riesig darüber gefreut.“

Weniger erfreut war er über seinen Vertrag, mit dem er sich über den Tisch gezogen fühlte. Der musikalische Erfolge bestehe aber noch heute, erklärt Krautter: „‚Das Omen‘ ist auch zwanzig Jahre später immer noch das einzige deutsch verlegte Werk der CBS Music Publishing Germany, das die Nummer 1 der deutschen Hitparade erreicht hat.“ Später komponierte Krautter zusammen mit Mario Habelt fast die ganze Musik der ersten Omen-LP „The Story“. Inzwischen arbeitet Michael Krautter als Informatiker in Montreal. Natürlich schaut er auch in Deutschland bei Familie und Freunden vorbei. „Was leider in den vergangenen Jahren etwas seltener geworden ist, denn Geschäft, Familie und lange Reisen sind manchmal nur schwer unter einen Hut zu bringen.“

Siehe auch: Der letzte Sommerhit der 80er – Propagandas Erben.


Der Artikel erschien im März 2009 in „Die Lokale Zeitung“. Eigentlich wollte ich damals auch den Produzenten Mike Staab befragen, hatte dann aber Michael Krautter in Kanada erreicht – und es ging ja um die darmstadtzentrierte Schlagzeile. Jetzt lese ich, dass der Produzent im Mai 2009 gestorben ist.

Nachtrag, 26.4.2014: Am 30. Mai 2011 verstarb Gitarrist Tillmann Uhrmacher. Er wurde 44 Jahre alt.

Partsch kommt

Jochen Partsch ist Kandidat des Grünen-Parteivorstandes für das Amt des Oberbürgermeisters in Darmstadt, meldet heute das Echo. Am 22. Juni entscheiden die Mitglieder bei der Kreismitglieder-Versammlung über den Vorschlag.

So ganz überraschend ist das jetzt ja nicht, an Jochen Partsch als Grünen-Kandidaten haben ja viele gedacht – und ich hatte das Foto Ende Mai ja auch mit einer gewissen Berechnung gemacht.

Mal sehen, wie sich jetzt die „tag“-Cloud in der rechten Spalte auf www.darmstadt.de entwickelt. Da steht nämlich ‚Partsch‘ größer als ‚Hoffmann‘ (SPD-Kandidat und OB).

Die OB-Direktwahl (erster Wahlgang) und die Kommunalwahl werden am 27. März 2011 sein. Wer jetzt Lust bekommt, auch zur OB-Wahl anzutreten, hat bis zum 20. Januar 2011 Zeit. An dem Tag muss der Wahlvorschlag spätestens beim Wahlamt eingereicht sein.

Neuer Blick auf Bessungen

Am Samstag wurde der Neubau der Schader-Stiftung in der Goethestraße offziell eingeweiht, mit großem Fest, Tag der offenen Tür und ein paar tatsächlich kurzen Reden. Bei dieser Gelegenheit durfte man an dem Samstag auch auf das Gebäudedach und in den Garten der gegenüber liegenden Schader-Galerie. Da die Kreuzung Wilheminen-, Goethe-, Karl- und Klappacherstraße auf einem Hügel liegt, wird man von einem Ausblick bis nach Rheinland-Pfalz überrascht – wenn die Luft klar ist (deshalb dazu kein Bild).

Das neue Stiftungszentrum der Schader-Stiftung in der Goethestraße 2, geplant vom Darmstädter Architekturbüro Kramm und Strigl.

Blick vom Bürgersteig in der Wilheminenstraße auf das Stiftungszentrum.

Die Karlstraße in Richtung Innenstadt.

Das Ornament über dem Fensterbogen schräg gegenüber in der Karlstraße war für mich eine Überraschung, als ich in die Gegend schaute. Das sieht man von unten so gar nicht.

Blick in Richtung der Hochschule Darmstadt.

Blick vom Gärtchen der Schader-Galerie zum Stiftungszentrum.

Sprüche im Stadtparlament

Neben der Haushaltsdebatte (Haushalt für 2010 ist beschlossen) gab es noch ein paar Highlights in der Stadtparlamentssitzung am Donnerstag, die ich mal dreist als exklusiv ;-) war nicht exklusiv, war nur schneller, präsentiere:

Debatte, ob Darmstadt wieder dem Schlossmuseumsverein beitreten soll (wurde von CDU, FDP und SPD dann beschlossen):

Jörg Dillmann (Uffbasse) – gegen den Beitritt: „Die einen wollen keine Musikanlage in der Oetinger Villa finanzieren, die anderen kein Schlossmuseumskonzept.“

„Ich denk‘, dass dem Prinz Donatus sein Nachttöpchen ins Landesmuseum gestellt werden sollte.“

Ctirad Kotoucek (CDU) – für den Beitritt: „Wenn da ein cooler Raubritter gewohnt hätte, sähe das für Uffbasse anders aus.“

„Das Schlossmuseum ist auch ein Beitrag zur Bildung der Jugend.“ Darauf Jörg Dillmann: „Ich war mit der Schule damals im Schlossmuseum, und Sie können sehen was draus geworden ist.“

Debatte um einen Antrag der Linkspartei am Straßenschild Hindenburgstraße den Zusatz „Kriegsherr, Staatspräsident und Wegbereiter Hitlers“ anzubringen. (wurde von allen außer der Linkspartei abgelehnt.)

Jörg Dillmann: „Vielleicht könnte man sich ja darauf einigen auf das Schild „Luftschiff“ zu schreiben.“ Da fiel nicht nur mir vor Lachen der Stift aus der Hand.