180 Grad – Steubenplatz

Da es getaut hatte, war ich mutig mit dem Rad unterwegs. Konnte man aber schnell vergessen, da überall noch Schneereste rumlagen und teilweise das Wasser wieder angefroren war. Kontrastprogramm gab es am Montag um 9.30 Uhr am Steubenplatz – an der Grundstücksgrenze Feuerwehr/Landessozialgericht.

Im Bereich des Sozialgerichtsgebäudes (Zuständigkeit: Land Hessen) war der Bürgersteig so eisfrei, dass man dort gut laufen konnte. Drehte man sich um 180 Grad, blickte man auf den Weg vorm Feuerwehrgrundstück (Zuständigkeit: Stadt Darmstadt). Da war es so rutschig, dass man lieber im Schnee daneben lief.

Eisiger Bürgersteig am Steubenplatz am Gelände der Berufsfeuerwehr.

Weitgehend eisfreier Bürgersteig vorm Sozialgerichtsgebäude am Steubenplatz.

Krisenkommunikation ist auch wichtig für Vereine

Manche Geschichten laufen auch mal im Lokalen anders als man denkt. Da verkündet ein Verein einschneidende Kürzungen und Kostensteigerungen, weil ausdrücklich die Stadt ihre freiwilligen Zuschüsse gekürzt habe. Ein gutes Beispiel, dachte, ich als mir der Brief in die Hände fiel, da kann man zeigen wie die Kürzungen von Seiten der Stadt nun wirken.

Da mir ein oder zwei Maßnahmen doch fragwürdig erschienen, fragte ich beim Verein nach. Der sagte aber, er sagt nichts zu seinem Brief. Ich betonte, dass ich den habe, aber das war egal. Das war vor einer Woche.

Gut, dachte ich, Brief umformulieren und in einen Artikel umgießen, ist zu wenig, außerdem wollte ich wissen, wie hoch denn die Kürzungen sind, wenn man sogar daran denkt Reparaturen und Reinigungen aufzuschieben. Also fragte ich bei der Stadt nach.

Schließlich brauchte ich Antworten. Und gerade wenn man nach Volumen bezahlt wird, freue ich mich über jeden, der mir etwas liefert. Abgesehen davon, dass ohne Artikel ein Teil der Seite im Blatt weiß bleiben würde.

Und dann sagt die Stadt in Form des Sozialdezerneten, dass sie bei dieser Bessunger Einrichtung nichts gekürzt habe. Ha. Überraschung. Alles anders.

Was mich nun wundert: Spätestens nachdem ich den Verein gefragt hatte, hätte doch klar sein müssen, dass da ein Artikel kommt.

Und dass an dem Tag, dann die Vereinsstory „Wir müssen umstrukturieren und abbauen, weil es von der Stadt weniger Zuschuss gibt“ auffliegt. Denn auch „die bei der Stadt“ lesen die Zeitung und werden nachfragen, was da los ist.

Angesichts dieser Aussichten, dann aber trotz meiner Nachfragen zu schweigen und nicht wenigstens behaupten, man habe sich geirrt, wundert mich dann doch. Denn jetzt sieht das doch noch seltsamer aus.

Und das vor dem Hintergrund, dass ich Nutzer der Vereinsräume kenne, die die Kostensteigerung (20 Prozent bei den Raummieten) auch einfach hingenommen hätten.

Winterwunderland Darmstadt

Schnee, schon wieder. Und so richtig nass und schwer. So schwer, dass es in Garten nebenan das Bäumchen in unseren Hof runterdrückte. Ich stand erstmal im Wald und mein Fahrrad im Gestrüpp. Aber so verschneit wie das war, war es eh besser zu laufen. Darmstadt ist eben keine Schneestadt.

OB-Abwahl aus dem Aufsichtsrat: Aktiengesetz sticht Hessische Gemeindeordnung

Einen Verstoß gegen die Hessische Gemeindeordnung hatte diese Woche die Darmstädter SPD ausgemacht, weil ihr OB Walter Hoffmann vom Posten des Heag Holding-Aufsichtsratvorsitzenden abgewählt wurde.

In der HGO (§125) steht nämlich:

„Der Bürgermeister oder das von ihm bestimmte Mitglied des Gemeindevorstands führt in den Gesellschaftsorganen den Vorsitz, wenn die Gesellschaft der Gemeinde gehört oder die Gemeinde an ihr mehrheitlich beteiligt ist“

„Deshalb setzt sich die SPD dafür ein, diesen einzigartigen Vorgang einer kommunalrechtlichen Prüfung zu unterziehen“, teilten die Sozialdemokraten in einer Presseerklärung mit.

„Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung“, ist ein ironisches Sprichwort unter Juristen. Und es stimmt. Denn wenn man es hier befolgt, ist die Sache klar. Die HGO gilt hier nicht, da §107 im bundesdeutschen Aktienrecht eine andere Regelung vorsieht:

Der Aufsichtsrat hat nach näherer Bestimmung der Satzung aus seiner Mitte einen Vorsitzenden und mindestens einen Stellvertreter zu wählen.

Und wieso gilt jetzt das Aktiengesetz? Weil in Grundgesetz Artikel 31 ganz kurz, schlicht und deutlich steht:

Bundesrecht bricht Landesrecht.

Wie das Jazzarchiv nach Darmstadt kam – 20 Jahre Jazzinstitut in Bessungen

Die Tage ist in den „Bessunger Neuen Nachrichten“ ein (wie ich finde ein sehr schöner) Artikel von mir zum 20. Geburtstag des Jazzinstituts Darmstadt erschienen. Bei der Gelegenheit habe ich dann auch mal aufgeklärt, warum „Jazzpapst“ Joachim Ernst Berendt seine Sammlung überhaupt Darmstadt überlassen hat – wo er doch gar kein Darmstädter war:

Das Jazzinstitut Darmstadt in Bessungen. Von Anfang an sei klar gewesen, dass das Kavalierhaus des ehemaligen Jagdhofs kein Elfenbeinturm werden soll, betont Direktor Wolfram Knauer.

Das renommierte, in Bessungen gelegene Jazzinstitut Darmstadt wird 20 Jahre alt. Der Keim des 1990 gegründeten Jazzinstituts wurde aber schon 1983 gelegt. Günther Metzger war Oberbürgermeister und entwickelte die Idee, die Sammlung des Internationalen Musikinstituts Darmstadt um die Jazzsammlung des Jazzkritikers und Produzenten Joachim Ernst Berendt (*1922; †2000) zu erweitern. „Jazzpapst“ Berendt war kein Darmstädter, er war von 1945 bis 1987 Redakteur beim Baden-Badener Südwestfunk (SWF, seit 1998 SWR) und weltweit einer der dienstältesten Jazzredakteure. In Darmstadt aber war SWF-Kollege Friedrich Hommel. Der Chef der Südwestfunk-Musikabteilung war zwischen 1982 und 1994 Leiter des Internationalen Musikinstituts Darmstadt. Und über diesen Kontakt kam die Sammlung nach Südhessen.

Die Berendtsche Sammlung mit Schallplatten, Büchern, Zeitschriften, Fotos und Plakaten war so erst im Internationalen Musikinstitut und 1988 Grundlage der Mathildenhöhenausstellung „That’s Jazz. Der Sound des 20. Jahrhunderts“. Das Archiv wuchs und die Stadt entschloss sich ein selbstständiges Jazzinstitut zu gründen.

Start mit Steckdosenplanung
1990 war es soweit, das Jazzinstitut Darmstadt startete mit provisorischen Räumen im John F. Kennedy-Haus, dem heutigen Literaturhaus in der Kasinostraße 3. Direktor wurde der damals 32 Jahre alte Kieler Musikwissenschaftler Wolfram Knauer. Aber der Umzug in die Bessunger Straße 88d war schon geplant. „Eine meine ersten Amtshandlungen war Steckdosen auf einem Grundriss des Kavalierhauses einzuzeichnen“, erinnert sich Knauer im Gespräch. Der Kieler, der 1989 seine Doktorarbeit über „Zwischen Bebop und Free Jazz – Komposition und Improvisation des Modern Jazz Quartetts“ geschrieben hatte, kam über eine Ausschreibung in der Wochenzeitung „Die Zeit“ auf Darmstadt. „Ich dachte, da hat jemand meinen Lebenslauf beschrieben“, erzählte der Musikwissenschaftler, als er damals die Stellenausschreibung gelesen hatte.

Lobbyarbeit für den Jazz
Das Institut bringt Theorie und Praxis zusammen. Von Anfang an sei klar gewesen, dass das Kavalierhaus kein Elfenbeinturm werden soll, betont der Direktor. „Für uns macht die Arbeit auf den unterschiedlichen Ebenen den Spaß aus.“ Das Institut ist offen für Recherchen und Anfragen. „Jeder, der irgendetwas über Jazz wissen will kommt irgendwann auf uns“, sagt Knauer. Und so kommen täglich zwischen 100 und 120 Anfragen aus der ganzen Welt über Telefon, E-Mail oder Post. Alle zwei Jahre bringt das Institut einen „Wegweiser Jazz“ heraus, mit Adressen und Informationen zum Jazz in Deutschland, eine ganz praktische Hilfe für die Musiker. Ebenfalls im zwei Jahresrhythmus tagt das Darmstädter Jazzforum. Die Vorträge werden in der Buchreihe „Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung“ dokumentiert.

November 2006 – Jazzinstitut Direktor Wolfram Knauer stellt das Buch ‚Jazz goes Pop goes Jazz‘ vor und zeigt OB und Kulturdezernent Walter Hoffmann aus dem Fundus die Trompete des Jazztheoretikers Carlo Bohländer.

Jazz ist auch immer noch aktuell, einerseits durch seine Musik, aber auch durch seine Bedeutung in der Musiktheorie. Jazz ist die Grundlage für die gesamte Pop-Musik bis hin zum Hip-Hop. Beispielsweise ist das Setzen von Riffs oder Harmonien, von Jazz-Musikern entwickelt worden. Ein Riff ist eine prägnante Ton- oder Akkordfolge wie beispielsweise der Anfang von Deep Purples „Smoke on the water“.

„Knotenpunkt im Jazz-Netzwerk“ – Lob von Nord bis Süd
Das Jazzinstitut ist nicht nur durch die vielleicht durch Lokalpatriotismus getrübte Darmstädter Brille eine tolle Einrichtung, sein guter Ruf geht von Schleswig-Holstein bis Bayern. „Das Jazzinstitut ist für den Jazz und seine gesellschaftliche Bedeutung von höchster Relevanz“, sagt Rainer Haarmann, künstlerischer Leiter von „JazzBaltica“. Beim schleswig-holsteinischen Jazzfestival „JazzBaltica“ treten seit über einem Jahrzehnt zahlreiche renommierte internationale und lokale Künstler auf. „Auch das Archiv ist von großer wissenschaftlicher Bedeutung“, sagt Haarmann. „Und jeder Austausch mit Dr. Knauer ein Gewinn.“

Lob kommt auch von der Donau. „Die geschätzten Kollegen des Darmstädter Jazzinstituts gestalten einen wichtigen Knotenpunkt im weltweit gespannten Netzwerk des Jazz“, bestätigt Sylke Merbold vom Bayerischen Jazzinstitut aus Regensburg. Merbold lobt auch das Engagement der Mitarbeiter. „Groß macht das Jazzinstitut nicht allein sein Thema, sondern auch seine rührigen Vertreter, allen voran Dr. Knauer, die ihr Thema nicht bearbeiten, sondern leben.“

Louis-Armstrong-Professur
2008 war Wolfram Knauer der erste europäische Louis-Armstrong-Professor an der New Yorker Columbia University. Die Professur ist nicht zwingend mit Jazz verbunden, der Name kommt daher, dass sie von der Louis-Armstrong-Stiftung bezahlt wird. Knauers Vorgänger waren neben Musikern auch Historiker oder Journalisten. Ziel der Professur ist Fachwissen von außen an die Uni zu bringen. Knauer hielt dort unter anderem ein Seminar zu „Jazz in Europe/European Jazz“.

„Junge Musiker sind weniger schrankenborniert“
Wer Schwierigkeiten mit Jazz hat, dem empfiehlt Knauer ein Konzert. „Jazz ist eine Live-Musik. Man tut Menschen einen Gefallen, wenn man sie mit ins Konzert nimmt.“ Jazz von CDs oder Platte sei schwerer zu erleben,weil die Musiker auf ihr Publikum reagierten. „Am Anfang des Abends wissen beide Seiten nicht, wo es hingeht.“ Daher sei es auch gut und wichtig, dass das Institut seinen eigenen Konzert-Gewölbekeller habe, betont Knauer. Dass Jazz einen elitären Ruf hatte, sei teilweise von den Musikern selbst gefördert worden, erklärt der Forscher. Auch mit Blick auf die besseren Gema-Vergütungen für E-Musik (ernsthafte Musik). „Manche haben ganz bewusst versucht sich da einzuordnen. Junge Musiker sind heute weniger schrankenborniert.“

Der Heag-HSE-Konflikt – 2. Teil

Nanchdem diese Woche ein Abwahlantrag gegen den Heag Holding-Aufsichtsratsvorsitzenden Oberbürgermeister Walter Hoffmann (SPD) bekannt geworden war, sind inzwischen einige Stellungnahmen dazu erschienen.

Hoffmann ist Aufsichtsratvorsitzender bei der Heag Holding und bei der Tocher HSE. Während die Heag Holding gerne im Auftrag der Stadt (ihrer Eigentümerin) von Eon einen ganzen Satz HSE-Anteile zurückkaufen will, macht der HSE-Vorstand Bedenken geltend. Dem Vernehmen wäre es dem lieber, wenn die Stadt nicht so viel bei der HSE zu sagen hätte.

Im Detail: Die Stadt will von Eon 40 Prozent der HSE-Anteile für 305 Millionen Euro zurückkaufen. Kaufen wird die Heag Holding, die Mutter des Energieversorgers. Noch im Oktober hieß es in der Magistratsvorlage dazu „Der verhandelte Kaufpreis ist sehr attraktiv“, und es wurde auf eine Rehie von Gutachten verwiesen:

– HEAG-Wertgutachten zum 31.12.2009: 331 Mio. EUR
– HSE-Wertgutachten für die Aufsichtsratssitzung/Hauptversammlung der HSE vom 9.7.2009: 370 Mio. EUR (+/- 20%)
– Thüga/E.ON-Bewertung bezogen auf Verkauf der Thüga AG: 444 Mio. EUR
– Marktbewertung aus vergleichbaren M&A-Transaktionen: 390 bis 479 Mio. EUR.

Jetzt aber sagen OB Hoffmann und HSE-Vorstand Albert Filbert, dass die AKW-Laufzeitverlängerung Unternehmenswert und -renditen reduziert haben. (Nebenbei: Ein Vorstand, der sagt, dass in seiner Zeit das Unternehmen weniger wert wurde, finde ich sehr bemerkenswert.)

Echo Online, 25.11.2010: Hoffmann will Neubewertung der HSE – Filbert wies darauf hin, dass er nicht eingebunden war in die Verkaufsverhandlungen mit E.ON, die Heag Holding aber seit Mai dieses Jahres über negative Folgen des aufgekündigten Atomausstiegs und der Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke unterrichtet war. (…) Deshalb sei der Kaufpreis für die Aktien »signifikant überhöht«. In dieser Situation, so Hoffmann, müsse der Unternehmenswert erneut überprüft werden, um ein realistisches Bild und Klarheit zu bekommen. Dies sei auch aus haftungsrechtlichen Gründen und wegen der Bürgschaft wichtig.

Aufsichtsratsmitglieder und ein Heag-Vorstand sagen aber:

Echo Online, 25.11.2010: Hoffmann will Neubewertung der HSE – Grundlage für das Votum für den Kauf waren, auch das Szenario längerer Betriebszeiten von Atomkraftwerken zum Thema. (…) Demnach sei der Kaufpreis annehmbar erschienen. Das bestätigen ein weiteres Aufsichtsratsmitglied und Heag-Vorstand Klaus-Michael Ahrend.

Auch in der Magistratsvorlage (und später im Stadtparlament) war bei den Risiken keine Rede von der Laufzeitverlängerung. Als Risiken nennt die Vorlage (vom September 2010, aber die Koalitionspläne in Berlin waren ja sogar schwarz-gelbe Wahlversprechen und in der Planung):

– Verbot durch Kartellamt
– Keine Bankenfinanzierung
– Zinsänderungsrisiko
– Reduktion der HSE-Dividenden

Laufzeitverlängerung war kein Thema. Ich frage mich zudem, warum jetzt -zu einem Zeitpunkt an dem Fristen auslaufen – die Neubewertung kommen muss (und die sich dem Vernehmen nach schon länger hinzieht) wenn Filbert vom Wertverlust durch die Laufzeitverlängerung schon wusste und angeblich auch der Heag Holding-Vorstand. Und in beiden Unternehmen ist der OB Aufsichtsratvorsitzender.

Und dass der Abwahlantrag ein „Kommunikationproblem“ sein soll, ist auch interessant, denn bis es zu so etwas kommt, muss doch einiges passiert sein. Wir erinnern uns:

Echo Online, 23.11.2010: Offener Konflikt im Heag-Aufsichtsrat – Zunächst hatte Hoffmann auf entsprechende Vorhalte dem Kontrollgremium zugesagt, er werde sich zwischen dem Vorsitz bei der Heag-Holding und dem der HSE entscheiden, doch zog er dies später zurück – düpierte Mitglieder wollten schon bei der letzten Aufsichtsratssitzung einen Abwahlantrag stellen, scheiterten aber aus formalen Gründen.

Zu der Geschichte gibt es Reaktionen von CDU (Schaden von der Stadtwirtschaft abwenden – Antrag auf Abwahl Hoffmanns richtig) Grünen (GRÜNE fordern Oberbürgermeister Hoffmann auf, seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender nachzukommen und die Interessen der Gesellschaft zu wahren.) und Uwiga (UWIGA befürchtet riesiges Finanzdesaster für die Stadt). Bei der SPD steht nichts. Ist das jetzt gehaltvolles Schweigen, wie damals, als der OB sich im FAZ-Interview zum OB-Kandidaten gemacht hatte? Und der SPD-Vorstand ihn erstmal nicht nominierte.

Abwahlantrag gegen OB Walter Hoffmann – Heag-HSE-Konflikt – 1. Teil

Nicht im Stadtparlament, sondern im Heag-Aufsichtsrat, dort ist der Darmstädter OB Hoffmann Vorsitzender. Aber auch das ist schon interessant genug:

Echo Online: Offener Konflikt im Heag-Aufsichtsrat – Stadtwirtschaft: Abwahlantrag gegen den Vorsitzenden Walter Hoffmann – Gegner sehen Interessenkonflikte

Kurz zur Einordnung: Der Heag-Holding gehören unter anderem der Versorger HSE (der seinen Strom über die Entega vertreibt), die Bauverein AG (Immobilien) und die Heag Mobilo (ÖPNV).

Die HSE-Zentrale in der Frankfurter Straße in Darmstadt.

Die Stadt Darmstadt will eigentlich Eons Anteile am Versorgungsunterenehmen HSE zurückkaufen, die Stadtverordneten hatten mit breiter Mehrheit dafür gestimmt. Aber der Heag-Aufsichtsrat hat zur Zeit laufend Sondersitzungen, und der Rückkauf (den angeblich alle wollen) kommt nicht voran. Als ob auf Zeit gespielt würde würde und am Ende der Rückkauf wegen Unklarheiten „bedauerlicherweise“ scheitert.

Oberbürgermeister Walter Hoffmann (SPD) steht dabei anscheinend in einem Interessenkonflikt. Im Aufsichtsrat der Heag Holding und als Beteiligungsdezernent managed er die städtischen Beteiligungen, in den Heag- und HSE-Aufsichtsräten (in denen er jeweils Vorsitzender ist) scheint er weitgehend den Plänen des HSE-Vorstands Filbert zu folgen. Dem Vernehmen nach findet Filbert die Stadt als Bürgen für seine Geschäfte gut, stört sich aber an der Aussicht, dass die Stadt bald 93 Prozent der Anteile hält und dann mehr Kontrollmöglichkeiten hätte. Weswegen zusammen mit Hoffmann im Hintergrund bei der Heag Holding und der HSE der Rückkauf hintertrieben wird.

Filbert behauptet, die von der Bundesregierung beschlossene Atomkraftwerke-Laufzeitverlängerung würde den Wert der auf Ökostrom setzenden HSE reduzieren. Obwohl Gutachten dagegen sprechen, geht der Oberbürgermeister darauf ein. Die Heag soll die HSE auffordern sich selbst zu begutachten. Nochmal: Das Unternehmen, das sich gar nicht freut, künftig mehr von der Stadt kontrolliert zu werden, soll seinen Wert einschätzen.

Folge einer niedrigeren Neubewertung im Sinne Filberts wäre: Die 305 Millionen Euro für den Rückkauf würden überteuert erscheinen. Mit möglichen rechtlichen Folgen für die, die zustimmen.

Aber wann das HSE-Wert-Gutachten vorliegt, wird dem Aufsichtsrat – der schon seit Wochen in der Sache tagt – nicht gesagt. Eventuell komme es erst Ende Dezember. Was ein rechtliches Problem aufwerfen würde, denn der ausgehandelte Kaufvertrag muss in 2010 durchgeführt werden – ansonsten würde die Stadt vielleicht ihr Vorkaufsrecht nicht mehr ausüben können. HSE-Anwälte und OB sagen, das wäre kein Problem fürs Vorkaufsrecht, HEAG Holding und der Aufsichtsrat bezweifeln das.

Nebenbei, wenn man in Konspirationen denken würde, könnte man den Eindruck haben, dass bei der harschen Kritik der IHK am Anteilsrückkauf über Bande gespielt wurde.

Wir erinnern uns, dass das nicht der erste Fall wäre, in dem der OB gegen das Parlament dem HSE-Vorstand folgt :

Die im Frühjahr aufgedeckte, großzügige Pensionsregelung für den HSE-Finanzvorstand wurde vom OB später gegen alle andern städtischen Vertreter im Aufsichtsrat bestätigt. Oder Hoffmanns Unterstützung der HSE-Pläne sich an einem kanadischen Unternehmen zu beteiligen, das Klimaschutz-Zertifikate handelt. Obwohl HSE-Chef Filbert im Haupt- und Finanzausschuss dazu in Schwimmen gekommen war und einiges ungeklärt bliebt (wie der Anteilskauf, als der Aktienkurs am höchsten stand), bliebt der OB hinter Filbert. Das undurchsichtige Vorhaben wurde vom Stadtparlament mehrheitlich abgelehnt und muss nun rückabgewickelt werden.

Ein paar Links (über die HSE-Logo-Geschichte hinaus) stehen dort: Doppeltes HSE-Logo macht die Runde

Kollege von Radio Darmstadt gestorben

Christian Knölker ist tot. Der Journalisten-Kollege von Radio Darmstadt (Radar) ist in der Nacht zum vergangenen Samstag verstorben. Er berichtete regelmäßig für das nichtkommerzielle Lokalradio über Kommunalpolitik und aus dem Stadtparlament.

Vor einiger Zeit dachte ich, er habe einfach nur abgenommen, aber schließlich verlor er so rasend schnell an Gewicht, dass ich Kachexie wegen eines Tumors vermutete – schließlich es war Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Die Beerdigung findet am kommenden Montag, 25.10.2010, um 14 Uhr auf dem Alten Friedhof statt.

Hinter den Kulissen eines Kleiderkette-Artikels

Vor gut einem Jahr erschien ein kleiner Echo-Artikel (leider nicht online) von mir zu einem „Kleiderkette“-Spiel während der Orientierungswoche für Erstsemester an der TU-Darmstadt. In einem (von mir erst jetzt entdeckten) Maschinenbauer-Forum wunderten sich damals einige Studenten über die Welle, die ich in dem Text machte. Deshalb was dazu, was ich damals eigentlich vorhatte.

Einer der Studierenden wog im Forum ab:

(…) es zeugt nicht unbedingt von Reife, dass man in einem Wettbewerb verlangt, dass Probanden sich ausziehen. (…) Sicher ist es andererseits kleingeistig von den Medien, (…) aber die Sensationsgeilheit der Medien sollte jedem normalen Menschen mittlerweile aufgefallen sein.

Ein anderer fand den Artikel nur daneben:

Was für ein trauriger, schlechter Artikel! Gibts den noch Journalisten die ihre Arbeit gut machen?

Schlechter Artikel? Naja, alle Seiten hatten von mir Gelegenheit zur Stellungnahme bekommen. „Schlechte“ journalistische Arbeit wäre es gewesen, wenn ich einfach vom Leder gezogen hätte. „Sensationgeil“? Eigentlich nicht. Tatsächlich war es nämlich so, dass ich die Szene mit der Kleiderkette und den Studierenden in Unterwäsche auf dem Karolinenplatz am Rande zufällig beobachtet hatte. Da ich schon etwas älter bin, kam mir das Spiel aber seltsam vor. Und ich dachte an Fotos, die später bei Facebook oder StudiVZ etc. auftauchen könnten. Und dass es Menschen gibt, die das eigentlich nicht wollen, aber glauben, sie müssten. So habe ich der veranstaltenden Fachschaft eine E-Mail geschrieben. Und einfach mal gefragt, wie das so ist, mit Gruppendruck bei solchen Spielen während der Orientierungswoche und dem Risiko von fremden Leuten fotografiert zu werden, und wie das alles ausgeschlossen wird.

Nachdem (wie ich mich erinnere) eine Woche lang keine Antwort kam, schickte ich die gleiche Mail ans Fachbereichsdekanat und nochmal an die Fachschaft. Da hieß es, man werde schauen. Beide Male hatte ich mich nicht als Journalist und freier Echo-Mitarbeiter ausgegeben, denn ich wollte ja nur Antworten und gar nicht groß mit „Presse“ oder sowas drohen.

Wieder nach einigen Tagen ohne Antwort dachte ich, dass die das Aussitzen wollen, und das nun doch der Darmstädter Echo-Redaktion als Artikelthema vorzuschlagen.

Hätte man mal irgendwie reagiert (und nicht so läppsch wie das Dekanat) wäre nie ein Artikel erschienen! Und ich hatte zudem die Mails unter wickel.name geschickt, die Domain, die auf dieses Blog führt – welches dezente Hinweise auf lokaljournalistische Tätigkeit enthält.

Nun, es kam anders, nach Anfragen beim Unipräsidium (und der Frauenbeauftragten, hehe, und der Fachschaft) gab es heftige Einfangversuche der Geschichte durch den Uni-Vizepräsidenten und Null Reaktion vom Fachbereich und der Fachschaft. Dem Vernehmen nach waren die Studierenden beleidigt, dass ich die Geschichte unfair an die große Glocke gehängt hätte. Unfair? Unfair wäre es gewesen die Story ohne zu warten und ohne Rückfragen rauszuhauen und Psychologen zu suchen, die das sagen, was man für eine reißerische Geschichte so braucht Naja, wie gesagt, hätte man mal vorher reagiert (und sei es, dass man sich in einer Woche melden werde) wäre – wie gesagt – nicht gekommen.

Dabei war das sogar Thema einer Fachschaftssitzung wie ein Protokoll zeigt:

• Problem: „Kleiderkette zwingt zum Ausziehen“ Marc Wickel
o Antwortschreiben verfassen (bereits durch Meike geschehen)
o Andere Seite: Fotograf wollte penetrant Fotos machen
o Anbieten: Unterschriften sammeln

Und gerade „Fotograf wollte penetrant Fotos machen“ wäre doch ganz interessant gewesen. Denn den Hinweis hätte ich in meinem Artikel natürlich auch bringen müssen. Wenn man es mir mal gesagt hätte.

Die Geschichte hat schließlich einen Lauf genommen, der mich eigentlich sogar ärgert. Nämlich, dass sich erst etwas tut, wenn man die Medien einschaltet. (Dass eine Volontärin darüber geschrieben hatte, stellte ich erst danach fest – und und als ich sie fragen wollte, wie das war, war sie im Urlaub.)

Und mir ist natürlich auch klar, dass weiterhin „Kleiderkette“ gespielt werden wird. Halt etwas abseits auf einer Wiese im Herrngarten oder im Hochschulstadion.