Zeitungen und junge Leser

Eva Schulz (hat dieses Jahr Abitur gemacht) überlegt, wie man junge Menschen zu den Zeitungen bringen kann. Unter anderem plädiert sie für das handlichere Tabloidformat sowie gegen Katzentische und Sonderseiten:

Hurra!-Blog: Redet mit uns – nicht über uns! […] Damit diese Leser nicht ein, sondern sechs Mal die Woche zum Kiosk gehen, sollte junge Themen täglich vorkommen und über die ganze Zeitung verteilt sein. So können sie mal etwas Spannendes im Wirtschaftsteil entdecken, dann wieder im Feuilleton.[…]

[…] Stattdessen scheinen die Redaktionen zu glauben, es reiche, wenn man hin und wieder an fester Stelle über Hip Hop oder YouTube berichte. Doch das ist genau der falsche Weg, denn auf diese Weise werden junge Leser gesondert behandelt. Das ist, als würde man bei einem großen Fest an den Kindertisch gesetzt […]

Da bin ich ja froh, dass ich mit meinen 41 Jahren auf eine ähnlich Überlegung gekommen war. Genau das habe ich neulich mit meinen Eltern diskutiert. Anstelle Samstags eine Kinder- oder Jugendseite zu bringen, müsste täglich was drin sein. Und die Zeitung zudem am Frühstückstisch so aufteilbar sein, dass jeder ein Stück bekommen kann, was ihn interessiert.

Wenn die Stadt eine Uni hat, sollte auch für die Studierenden was drin sein. Was funktionieren müsste. Schließlich gibt doch kostenlose, anzeigenfinanzierte Studentenblättchen, und die Unis füllen ganze Blätter mit ihren internen Mitteilungen. Auch gibt es immer mal wieder Reibungen in den Uni-Gremien, die man nicht in einer wöchentlichen Kolumne abhandeln kann. Ich denke, da gibt es genug Themen für junge und jugendliche Leser, die nur täglich vorhanden sein müssten.

Aber irgendwie frage ich mich, warum da nicht die Verleger drauf kommen? Oder gibt es Hinweise und Erfahrungen, dass das nicht funktioniert?

Neusprech-„heute“ beim ZDF

Die ZDF-Nachrichten-Redaktion hat ja schnell aus der Brender-Abwahl gelernt. Bloß nicht bei der CDU unangenehm auffallen und deswegen am besten alles eins zu eins übernehmen, was von den Unionschristen kommt.

„Heute“-Nachrichten vom 4. Dezember 2009, 14 Uhr.

In den 15 Uhr-Nachrichten berichtet „Heute“ über das mit schwarz-gelber Mehrheit im Bundestag beschlossene „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“. Aber ohne Anführung oder einschränke Ergänzungen wie „sogenannt“. Eins zu eins wurde der Neusprech-Marketingbegriff der Regierung übernommen.

Susanne Holst bei der ARD-Tagessschau sprach eine Stunde später jedenfalls vom „sogenannten Wachstumsbeschleunigungsgesetz“. Na, wenn da mal nicht Chefredakteur Gniffke von ARD-aktuell zum Rapport bestellt wird.

Neuer Echo-Online-Auftritt

Seit heute sieht die Internetseite des Darmstädter Echos anders aus, und Chefredakteur Jörg Riebartsch sagt auch etwas dazu. Unter anderem auch etwas zur Finanzierung:

Die notwendigen Einnahmen, um die Internetauftritte von Zeitungen zu finanzieren, sind ausgeblieben. Deshalb versuchen die Kaufleute nun weltweit umzudenken, wollen Geld auch im Internet für das nehmen, was man Leistung des Geistes nennt. Ob das klappt?


Auch neu: Die Artikel können kommentiert werden.

Hart – aber fair? (Updates zu Regividerm)

Was war das denn, Frank Plasberg? Da nimmt der Moderator einer zu „Hart aber fair“ eingeladenen Diskussionteilnehmerin ihre Grafik weg, um sie kurz in die Kamera zu halten, erklärt sie für unverständlich – und zerknüllt sie.

Eine halbe Stunde später kommt eine Erklärung. Man werde die Grafik fürs Fernsehen aufbereiten, er habe nur zeigen wollen, dass man auf DIN A4-Ausdrucken im TV nichts erkenne. Nachtrag: Es war diese WHO-Grafik (PDF).

Da gab es wohl doch zu viel Druck im Gästebuch zur Sendung … (Ist wohl inzwischen wieder offline.)

Kurz vor Schluss wird die Sendung aber beliebig. Plasberg flanscht noch den „Regividerm“-Film der ARD an. Was das mit dem Thema „Schweinegrippenimpfung“ zu tun hat, kann ich nicht erkennen. Vielleicht sollen die Zuschauer mit der Nase draufgestoßen werden, was für investigative Kracher bei der ARD laufen.

Nachtrag: „Hart aber Fair“ bei YouTube: Teil1, Teil 2

Nachtrag: NDR-Zapp über Plasberg und Regividerm.

Was an „Regividerm“ dran ist, kann ich nicht einschätzen, aber das pharmakritische Blog „Stationäre Aufnahme“ hat da so seine Zweifel (und inzwischen über 50 Updates dazu. Das ganze scheint ein PR-Nummer gewesen zu sein, vielleicht hatte sich der WDR da einspannen lassen. Siehe auch Regividerm – ein Krimi um eine Creme? beim Psoriasis-Netz und das Ökotest-Forum.

„Alles möglich bei ‚Hart aber fair'“, sagte Plasberg zum Schluss der Sendung – wie wahr.

Update: Scienceblogs: Regividerm -Die Studien zur Wirksamkeit enthalten allesamt methodische Mängel.

Mich erschreckt, wie überzeugt Plasberg in der Sendung die „glänzend absolvierten klinischen Studien“ zu bringen versprach und dann drei Textchen als diese präsentiert werden. (inzwischen sind wohl noch TÜV-Gutachten (die zertifizieren inzwischen ja ziemlich viel) dazugekommen.

Eine ist eine Präsentation, das andere eine Zusammenfassung, die genauso gut bei SpOn oder in der Bild hätte stehen können. Nur eine echte wissenschaftliche Arbeit ist dabei – die mit den 13 Patienten.

Und wieso gibt es zu der Suche nach „Vitamin B12 avocado“ auch nur diese eine Arbeit in der Medline? Wenn die Salbe doch so durchschlagend gewirkt hat, wäre es doch nicht bei zwei drei Papern geblieben? Irgendein Journal hätte die Folgeuntersuchungen bestimmt gebracht, es gibt ja mehr als Nature, Cell und Science. Zudem verstehe ich unter „Studien“ zu einem Medikament eher sowas wie das ganze Phase I bis IV-Procedere.

Der Immunologe Beda Stadler, der in der Sendung war, gab danach ein Interview zur Regividerm-Einlage:

Wer ein wirkungsvolle Salbe als frei von Nebenwirkungen bezeichnet, glaubt an Wunder. Ich kenne tatsächlich keine Medikamente ohne Nebenwirkungen, aber viele nebenwirkungsfreie Präparate ohne Wirkung.

Stadler war es auch, der durch seine Kritik in der Sendung die beiden WDR-Journalisten zum zurückrudern brachte. Klang es zuvor doch sehr nach „Heilung“ durch die Salbe, hieß es danach nur noch „Linderung“.

Auch interessant:

Markus Stücker ist auch heute noch der Meinung, dass „Regividerm nachgewiesen wirksam ist“, so der Arzt gegenüber SPIEGEL ONLINE. „Bei mittelschweren Formen von Neurodermitis kann die Salbe Linderung bringen.“ Er gibt zu bedenken, dass bei dermatologischen Studien oft nur eine geringe Fallzahl vorliege. „Um ein Wundermittel“, sagt Stücker, „handelt es sich allerdings nicht.“

Da suggerierten die ARD-Jungs was anderes.

Mikro, nano … alles dasselbe bei den ZDF-Nachrichten

Es mag ja verpönt sein in der Wikipedia zu recherchieren (solange da überhaupt noch was drinsteht , aber, liebe Heute-Nachrichten:

Ein Nanometer ist ein milliardstel Meter, und nicht ein millionstel Meter, wie heute um kurz nach 19 Uhr schön – aber falsch – erklärt. Ein millionstel Meter ist ein Mikrometer, ein tausenstel Meter ein – alter Geodreieckbekannter – Millimeter und ein hundertstel Meter ist ein Zentimeter.

Und auch der schön plakative Größenvergleich zwischen einem Fußball und der Erde war damit leider auch falsch: Eine 1-Pfennig-Münze (ok, nicht mehr aktuell in Eurocent-Zeiten) ist ziemlich genau eine Milliarde mal kleiner als die Erde.

Und bevor jetzt einer kommt, dass doch das alles dasselbe ist: Ihr verwechselt auch auch nicht Kilos mit Tonnen, Millimeter mit Metern und beschwert euch doch wenn die Festplatte nur ein Gigabyte anstelle ein Terabyte hat. Und wenn die GEZ nur noch 7 Millionen Euro Rundfunkgebühren einsammeln könnte, anstelle den tatsächlichen 7 Milliarden Euro (für ARD und ZDF zusammen), gäbe es doch einen Riesenaufschrei.

Anstrengende „Küchenschlacht“

Nervig: Diese Woche ist die ZDF-„Küchenschlacht“ auf einem Schiff.

1. In jeder Folge wird der Name des Kreuzfahrtdampfers groß und breit gesagt.

2. Und auch wenn man es noch so sehr behauptet (ich meine Alfons Schuhbeck von heute): Nein, ein Kapitän kann auf einem Schiff keine rechtsgültige Trauung nach deutschem Recht vollziehen. Jedenfalls nicht auf der Grundlage, weil er der Kapitän ist. Auch wenn man der Kandidatin – die das ganz richtig herausgefunden hat – noch so väterlich-autoritär über den Mund fährt.

Christoph Drösser hat das in der ZEIT mal bearbeitet. Und herausgefunden, dass Kapitänstrauungen nicht nur in Deutschland unzulässig sind:

Bei der U. S. Navy zum Beispiel heißt es eindeutig: „Der kommandierende Offizier darf an Bord seines Schiffes oder Flugzeuges keine Trauungszeremonie durchführen“

3. Ältere Männer, die jungen Frauen schmeicheln finde ich ja nicht so dolle, es wirkt auf mich schnell peinlich. (Notiz: Selber aufpassen, man wir nicht jünger.)

Kleinigkeiten, von uns allen bezahlt

Heute morgen berichtete das ZDF-Morgenmagazin über den Prozess, über den ich auch schreibe. Und gleich in Cherno Jobateys Anmoderation heute morgen (nicht zu sehen, aber steht auch auf der Website) die erste Nachlässigkeit: Bensheim mit Darmstadt verwechselt.

Und im Beitrag wurden Tombolaspenden (etwa bei 1 Minute 34 Sekunden) zu Geschenken für die Familie Saremi, die Interviews mit der Schwester und dem Vater sind von Mitte September und die Schlägerei-Szenen sind natürlich gestellt, aber nicht gekennzeichnet.

Dass der Prozess noch mindestens bis zum 30. Oktober geht, konnte das ZDF nicht ahnen, aber man hätte den Richter ja gestern mal fragen können. Aber Fernsehen kommt ja nur zum Auftakt und zum Finale – um dann alles erfahren zu wollen und einem – weil man ja so wichtig ist – in seine Interviews dazwischen zu quatschen.

(Sicherlich mache auch ich Fehler, nur kann der Konsument bei mir Konsequenzen ziehen und den Konsum verweigern – ohne auf andere Print-Produkte verzichten zu müssen. Bei den ÖR muss man zahlen, solange man ein Empfangsgerät bereit hält. Und wenn man die ÖR nicht mehr will, muss man auch auf die Privaten verzichten. Das ist wie Leseverbot wegen Zeitungsabokündigung.)

Live – Wen stören da schon 7495 Kilometer?

Die ARD berichtet über den Tsunami auf Samoa – das liegt im südwestlichen Pazifik. Der Reporter berichtet dazu „live“ – aus Tokio … Ist ja ums Eck – im nordöstlichen Pazifik – nur 7495 Kilometer liegen dazwischen.

Mario Schnitt berichtet live aus Tokio übers 7495 Kilometer entferne Samoa.

Aus Tokio zu berichten ist für mich ja in Ordnung, ist halt gerade kein ARD-Reporter auf Samoa. Aber „live“ muss man da nicht betonen, denn das finde ich so albern, wie wenn ich jetzt „live“ aus Darmstadt übers Münchener Oktoberfest bloggen würde. Und das wäre nur rund 400 Kilometer entfernt.

Letzte Prognose vorm Wahllokal

Stefan Raab präsentierte gestern nach diskussionfreudiger Elefantenrunde wie schon vor vier Jahren eine TV Total-Wahlprognose, generiert aus Telefonanrufen. Da man ja so eine Aktion vor vier Jahren schon einmal gemacht hatte, hatte man jetzt auch Evidenzen für die Korrekturfaktoren der Telefonabstimmung.

Die Korrekturfaktoren sind in etwa die, auf die ich auch gekommen war. (TV Total-Prozente von 2005 geteilt durch die echten Prozente, natürlich pro Partei). Nachtrag: Das ist nichts geheimnisvolles. Die „Welt“ spricht nämlich von „mit einem mysteriösen Koeffizienten geglättet„. So ein Unsinn.

Demnach wird es eng für die große Koalition, weil die SPD bei Raab abgestürzt war und FDP, Grüne, Linke sowie SPD ziemlich gleich stark sind. Ein Knallerergebnis, weil man unter Umständen eine Dreierkoalition zum regieren bräuchte.

Die Umfragen auf Wahlrecht.de klingen allerdings etwas anders. Ich habe mal einfach die Mittelwerte der letzten fünf Umfragen ausgerechnet:

CDU/CSU: 35 Prozent
SPD: 25 Prozent
Grüne: 10,5 Prozent
FDP: 13,4 Prozent
Linke: 11,4 Prozent
Sonstige: 4,7 Prozent

In einigen Blogs jammern übrigens Piratenpartei-Freunde seit Tagen, dass die Piraten bei Raab nicht dabei sind/waren – manche steigern sich da richtig rein (undemokratisch, Wahlbetrug etc.) Nun: Raab will eine Sendung mit einem medientauglichen Ergebnis. Die meisten Zuschauer erwarten etwas mit CDU&Co und ein Ergebnis, das sie mit dem am Sonntagabend vergleichen können. (Ok, ob das von gestern zu was taugt, werden wir heute abend sehen.)

Das aber gerät in Gefahr, wenn er jede kleine Partei mit ins Boot nimmt. Weil dann jeder Spaßvogel für MLDP&Co stimmen könnte, um zu gucken was rauskommt. Und das will Raab/der Sender nicht riskieren. (Wenn 10 Parteien mitmachen kommt im blödesten Fall 10% für jeden raus – was nur nichts mit der Realität zu tun hat.)

Und den Anspruch der Piratenpartei (wir sind bei der Zielgruppe beliebt/ohne uns ist es undemokratisch) finde ich – jedenfalls 2009 – sehr schwach. Denn es gibt andere Parteien, die mehr Rechte hätten. Beispielsweise die NPD (die ist sogar in Landtagen und hat besonders viele junge Mitglieder) oder die Frauenpartei (mehr als 50% sind Wählerinnen).

Irgendeinen Maßstab wird jeder, der nicht dabei ist, finden, warum ausgerechnet er dabei sein muss. Wenn man das mitmacht, sitzen 20 Parteivertreter im Studio. Man wird also damit leben müssen, dass Pro7 da eine willkürliche Grenze zieht.

Zudem wird es grandios unübersichtlich bis chaotisch, wenn man mehr als fünf Politiker (es sind wegen der CSU schon sechs) im Studio sitzen hat und abarbeiten muss. Mach’ mal eine Podiumsdiskussion mit zehn Teilnehmern. Das wird eine öde Statementparade oder Chaos.