Trauerspiel bei Stadtteilbibliotheken

Es gibt mal wieder neue Zeiten:

Öffnungszeiten der Stadtteilbibliotheken ab 1. Januar 2011:

Arheilgen: Mittwoch von 14 bis 18 Uhr und Donnerstag von 9 bis 12 Uhr

Bessungen: Dienstag von 9 bis 12 Uhr und Donnerstag von 14 bis 18 Uhr

Eberstadt: Dienstag von 14 bis 18 Uhr und Freitag von 9 bis 12 Uhr

Kranichstein: Dienstag von 14 bis 18 Uhr und Mittwoch von 14 bis 18 Uhr.

Und die Initiative „Büchereien bleiben” sammelt dagegen Unterschriften.

Da haben wir also vier Stadtteilbüchereien, die die meiste Zeit der Woche geschlossen sind. Jede hat sieben Stunden die Woche offen. Besser als nichts, mag man sagen, aber das ist doch irgendwie Kappes. Es sei denn, man möchte die Außenstellen so unattraktiv machen, dass am Ende die Leser wegbleiben, und man sie endlich „leider, leider” schließen kann muss.

Wenn man mal sagt, dass ein „Werktag“ von 9 Uhr bis 12 Uhr und von 14 Uhr bis 18 Uhr geht, dann wären dies bei einer Fünf-Tage-Woche 35 Stunden. Davon haben die Stadtteilbüchereien 80 Prozent geschlossen. Da stehen also Gebäude voller Medien umgerechnet an vier von fünf Tagen rum. Genaugenommen stehen sie sechs von sieben Tagen rum. Mit all den Nebenkosten, die die Gebäude so mit sich bringen. Das ist doch alles jenseits von Effizienz.

Wie wäre es mal mit einer ehrlichen Überlegung von Seiten der Verwaltung und Stadtregierung, wie das weitergehen soll? Wie hoch müssten beispielsweise Leihgebühren sein, damit die Bibliotheken (Personal- und Betriebskosten) bei einem 5-Tage-Betrieb (9-12h, 14-18h) die Stadt nichts kosten? Nur damit man mal die Kosten sieht. Und die Forderungen der BI einsortieren kann.

Donnerstag um 18 Uhr wissen wir mehr

Zumindest wissen wir dann, wer alles Oberbürgermeister in Darmstadt werden will. Ob er oder sie auf den Wahlzettel (oder die Wahlzettelin) kommt entscheidet am 27. Januar (übrigens Kaisers Geburtstag) der Gemeindewahlausschuss.

Am 20. Januar 2011 um 18 Uhr ist Annahmeschluss für OB-Wahlvorschläge. Bis dahin müssen die schriftlich bei der Geschäftsstelle des Gemeindewahlleiters, dem Bürger- und Ordnungsamt, Abteilung Einwohnerwesen und Wahlen, Grafenstraße 30, 64283 Darmstadt, I. OG, Zimmer 101 abgegeben werden.

Wer kandidieren will muss mindestens 25 Jahre alt, Deutscher oder EU-Bürger sein. Weiterhin darf das 67. Lebensjahr noch nicht vollendet sein und man muss in Deutschland wohnen.

Ein Einzelkandidat muss auf jeden Fall 142 Unterstützerunterschriften (doppelt so viele wie Stadtverordnete) einreichen. Diese müssen wahlberechtigt sein und auf dem Unterstützerlisten Unterschrift, Name und Adresse angeben. Allerdings sind die Formulare für die Unterstützerunterschriften nur beim Wahlamt erhältlich.

Vertreter von Parteien oder Gruppen, die seit den vergangenen Wahlen in Stadt, Land oder Bund ununterbrochen im Stadtparlament, Land- oder Bundestag waren, haben es einfacher. Sie benötigen nicht die 142 Unterstützerunterschriften. Wer für eine Gruppe oder Partei antritt, muss von dieser auf einer dokumentierten Versammlung demokratisch und geheim gewählt worden sein.

Nachtrag, 21.1., nachmittags: Die Namen der OB-Bewerber stehe in einer Stadt-PM. (Ok, mein Anfruf beim Wahlamt war ja auch an der Pressestelle vorbei) Weiterlesen

Heiner und Schorsch – Der Wochenrückblick

Na Schorsch, bist aber spät zu unserem sonntäglichen Frühschoppen?
Ach Heiner, geh‘ fort. Als Grenzgänge und Neujahrsempfänge, da kommt man ja zu nix.
Sag mal, weißt Du schon, was Du Ende März wählst?
Nee, aber ich weiß, dass die Politiker aufpassen müssen, denn die Darmstädter verstehen keinen Spaß mehr.
Seit wann das denn?
Na, beim Gardetreffen letzten Sonntag waren mehr Teilnehmer als Zuschauer dabei.
Na, das lag aber eher daran, dass die, die kommen wollten, unterwegs in die vielen Schlaglöcher gefallen und nicht mehr rausgekommen sind.
Hehe, so wie die entgleiste Straßenbahn am Schloss. Da heißt es ja, man wisse nicht warum.
Bestimmt waren die Leute auch auf dem Weg zum Loop 5 in die Schlaglöcher auf der Pallaswiesen- und Mainzer Straße gefallen. Weswegen nur 100 Zuschauer bei der Miss Hessen-Wahl dabei waren.
Ja, wären die mal in die Stadt anstelle nach Weiterstadt gekommen. Prost.

Die Uwiga musste übrigens nochmal Unterstützerunterschriften sammeln.
Wieso, gelten die alten von vor fünf Jahren nicht mehr, weil denen so viele Stadtverordnete weggelaufen sind?
Nein, die haben ihren Namen geändert.
Ja wie, heißen die jetzt „Auweia“, wie der Jörg meint?
Nein, Uwiga stand mal für „Unabhängige Wählervereinigung der IG Abwasser“ und steht jetzt für „Unabhängige Wählervereinigung, hervorgegangen aus der IG Abwasser“.
Ach so.
Die SPD hofft übrigens auf Wähler mit „Migrationshintergrund“, glaube ich. Der Siebel hat da so ein Treffen mit Vereinen veranstaltet.
Na, dann muss das ja um die SPD noch viel schlimmer stehen, als man ahnt. Wenn die hoffen, von denen Stimmen zu bekommen. Im November hatten 4,3 Prozent von 19.504 wahlberechtigten Darmstädter Ausländern an der Ausländerbeiratswahl teilgenommen. Wenn die Eingebürgerten da genauso wählen, dann wird das nix.
Wobei ich glaube, dass die Genossen mit dem schlimmsten rechnen. Die Intensivstation im Klinikum Darmstadt wird ausgebaut, da können am 27. März die, die die das Ergebnis nicht verkraften gleich behandelt werden.

Aber vielleicht kommen die Parteien jetzt ja mal mit ihren Überraschungen für den Wahlkampf rüber. So wie die, der SPD-Weiterstadt. Die plant angeblich einen klima-neutralen Wahlkampf.
Ich würde ja den Albert Speer als Berater holen. Der hat gute Ideen wie „Darmstadt soll von Frankfurt lernen“.
Das ist es. Wir machen mit dem August-Euler-Platz dem Frankfurter Flughafen Konkurrenz. Dann haben alle gleich viel Fluglärm und keiner ist mehr benachteiligt, weil er in Wixhausen wohnt.
Und der Darmbach wird so aufgeweitet und freigelegt, dass er Main-breit wie in Frankfurt durch die Stadt fließt.
Am besten am Regierungspräsidium am Lui vorbei, da kann der gleich den ganzen Urin wegspülen.
Genau. Und mit etwas Glück glaubt der RP deswegen, die Stadt Darmstadt wäre wieder flüssig und winkt den Haushalt unbesehen durch. Prost.

Kleine Welt, viermal an einem Abend

Beim Neujahrsempfang der SPD-Weiterstadt traf ich einen Darmstädter Stadtverordneten und war etwas überrascht, dass der da war. Denn die SPD ist nicht seine Partei. „Ich bin eingeladen worden“, sagte er mir erst ganz unschuldig, „mein Sohn ist hier der Vorsitzende“. Ok, der Nachname ist gleich, aber Ludwig ist hier doch recht häufig – oder?

Dann traf ich noch eine Behördenmitarbeiterin, die war da, weil ihr Freund eingeladen war. Na gut. Aber der ist einer der unabhängigen Kandidaten auf der Liste. Nachtrag: Die Mitarbeiterin ist in der SPD, zählt also nicht.

Dass die Vorsitzende eines Vereins, der Kinder betreut, eine Erzieherin in einer anderen Kreisgemeinde kannte, die ich zufällig kenne, war dann doch witzig. Kleiner Kreis.

Und dass einer der SPD-Stadtverordneten sich an mich erinnert hatte, weil ich er vor einigen Jahren die gleiche Rürup-Vorlesung wie ich besucht hatte, hätte eigentlich keine Überraschung mehr sein dürfen.

Data-Mining im Darmstädter Sozialatlas

Ok, ich übertreibe mit dem „Mining“, ich habe mir die Statistiken im Sozialatlas der Stadt Darmstadt (PDF, 4,4MB) für einen Artikel (Schlechte Werte im Sozialatlas für den Westen der Stadt) etwas genauer angeguckt und auch mal der TU Darmstadt nachgefragt, ob die kommunalen Politiker ihre kommunalen Statistiker da zuviel beeinflusst haben. Aber von der Mathematik kam weitestgehende Entwarnung, das gewählte Verfahren und die Darstellung seien ok.

Aber – wie vermutet – sollte man sich nicht an den genauen Plazierungen festhalten, da diese schnell schwanken können, besonders wenn ein Bezirk wenige Einwohner hat (kleiner Nenner).

Dann war mir aufgefallen, dass die absolute Zahl der ALG II-Bezieher in ganz Darmstadt deutlich höher ist, als die Anzahl der ALG I-Bezieher oder der anderen Empfänger staatlicher Hilfen. (Ende 2008 lebten in Darmstadt 1449 Rentner mit Grundsicherung*, 1318 Arbeitslosengeld I-, 876 Sozialhilfe*- und 2112 Wohngeldbezieher. Die Zahl der Arbeitslosengeld II*-Bezieher ist mit 12.437 sechs- bis zwölfmal höher. Überlappungen sind bei den Sozialleistungen weitgehend ausgeschlossen, möglich ist es nur beim Wohngeld und ALG I.)

Da müsste man doch gewichten, fand ich. Und bekam von der TU Zustimmung: Das könne man machen, wenn beispielweise die Kosten sehr unterschiedlichen wären.

Aber die Stadt selbst will die Gruppen, die sie für den Sozialindex (arithmetisches Mittel, gebildet aus normierten Werten für ALG I-, ALG II-, Grundsicherung-, Sozialhilfe- oder Wohngeld-Bezieher in einem Bezirk) zusammengerechnet, nicht gewichten. Was der schwerwiegendere Armutsfaktor wäre, wäre eine willkürliche sozialpolitische Entscheidung.

*- ALG II, Grundsicherung und Sozialhilfe sind von den ausgezahlten Euros her gleich viel. ALG II bekommen Menschen, die noch arbeiten können, Sozialhilfe (eigentlich: Grundsicherung zum Lebensunterhalt) bekommen Menschen, die nicht mehr arbeiten können, aber keine Rentner sind. Und Grundsicherung bekommen Rentner.

180 Grad – Steubenplatz

Da es getaut hatte, war ich mutig mit dem Rad unterwegs. Konnte man aber schnell vergessen, da überall noch Schneereste rumlagen und teilweise das Wasser wieder angefroren war. Kontrastprogramm gab es am Montag um 9.30 Uhr am Steubenplatz – an der Grundstücksgrenze Feuerwehr/Landessozialgericht.

Im Bereich des Sozialgerichtsgebäudes (Zuständigkeit: Land Hessen) war der Bürgersteig so eisfrei, dass man dort gut laufen konnte. Drehte man sich um 180 Grad, blickte man auf den Weg vorm Feuerwehrgrundstück (Zuständigkeit: Stadt Darmstadt). Da war es so rutschig, dass man lieber im Schnee daneben lief.

Eisiger Bürgersteig am Steubenplatz am Gelände der Berufsfeuerwehr.

Weitgehend eisfreier Bürgersteig vorm Sozialgerichtsgebäude am Steubenplatz.

Krisenkommunikation ist auch wichtig für Vereine

Manche Geschichten laufen auch mal im Lokalen anders als man denkt. Da verkündet ein Verein einschneidende Kürzungen und Kostensteigerungen, weil ausdrücklich die Stadt ihre freiwilligen Zuschüsse gekürzt habe. Ein gutes Beispiel, dachte, ich als mir der Brief in die Hände fiel, da kann man zeigen wie die Kürzungen von Seiten der Stadt nun wirken.

Da mir ein oder zwei Maßnahmen doch fragwürdig erschienen, fragte ich beim Verein nach. Der sagte aber, er sagt nichts zu seinem Brief. Ich betonte, dass ich den habe, aber das war egal. Das war vor einer Woche.

Gut, dachte ich, Brief umformulieren und in einen Artikel umgießen, ist zu wenig, außerdem wollte ich wissen, wie hoch denn die Kürzungen sind, wenn man sogar daran denkt Reparaturen und Reinigungen aufzuschieben. Also fragte ich bei der Stadt nach.

Schließlich brauchte ich Antworten. Und gerade wenn man nach Volumen bezahlt wird, freue ich mich über jeden, der mir etwas liefert. Abgesehen davon, dass ohne Artikel ein Teil der Seite im Blatt weiß bleiben würde.

Und dann sagt die Stadt in Form des Sozialdezerneten, dass sie bei dieser Bessunger Einrichtung nichts gekürzt habe. Ha. Überraschung. Alles anders.

Was mich nun wundert: Spätestens nachdem ich den Verein gefragt hatte, hätte doch klar sein müssen, dass da ein Artikel kommt.

Und dass an dem Tag, dann die Vereinsstory „Wir müssen umstrukturieren und abbauen, weil es von der Stadt weniger Zuschuss gibt“ auffliegt. Denn auch „die bei der Stadt“ lesen die Zeitung und werden nachfragen, was da los ist.

Angesichts dieser Aussichten, dann aber trotz meiner Nachfragen zu schweigen und nicht wenigstens behaupten, man habe sich geirrt, wundert mich dann doch. Denn jetzt sieht das doch noch seltsamer aus.

Und das vor dem Hintergrund, dass ich Nutzer der Vereinsräume kenne, die die Kostensteigerung (20 Prozent bei den Raummieten) auch einfach hingenommen hätten.

Winterwunderland Darmstadt

Schnee, schon wieder. Und so richtig nass und schwer. So schwer, dass es in Garten nebenan das Bäumchen in unseren Hof runterdrückte. Ich stand erstmal im Wald und mein Fahrrad im Gestrüpp. Aber so verschneit wie das war, war es eh besser zu laufen. Darmstadt ist eben keine Schneestadt.

OB-Abwahl aus dem Aufsichtsrat: Aktiengesetz sticht Hessische Gemeindeordnung

Einen Verstoß gegen die Hessische Gemeindeordnung hatte diese Woche die Darmstädter SPD ausgemacht, weil ihr OB Walter Hoffmann vom Posten des Heag Holding-Aufsichtsratvorsitzenden abgewählt wurde.

In der HGO (§125) steht nämlich:

„Der Bürgermeister oder das von ihm bestimmte Mitglied des Gemeindevorstands führt in den Gesellschaftsorganen den Vorsitz, wenn die Gesellschaft der Gemeinde gehört oder die Gemeinde an ihr mehrheitlich beteiligt ist“

„Deshalb setzt sich die SPD dafür ein, diesen einzigartigen Vorgang einer kommunalrechtlichen Prüfung zu unterziehen“, teilten die Sozialdemokraten in einer Presseerklärung mit.

„Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung“, ist ein ironisches Sprichwort unter Juristen. Und es stimmt. Denn wenn man es hier befolgt, ist die Sache klar. Die HGO gilt hier nicht, da §107 im bundesdeutschen Aktienrecht eine andere Regelung vorsieht:

Der Aufsichtsrat hat nach näherer Bestimmung der Satzung aus seiner Mitte einen Vorsitzenden und mindestens einen Stellvertreter zu wählen.

Und wieso gilt jetzt das Aktiengesetz? Weil in Grundgesetz Artikel 31 ganz kurz, schlicht und deutlich steht:

Bundesrecht bricht Landesrecht.

Wie das Jazzarchiv nach Darmstadt kam – 20 Jahre Jazzinstitut in Bessungen

Die Tage ist in den „Bessunger Neuen Nachrichten“ ein (wie ich finde ein sehr schöner) Artikel von mir zum 20. Geburtstag des Jazzinstituts Darmstadt erschienen. Bei der Gelegenheit habe ich dann auch mal aufgeklärt, warum „Jazzpapst“ Joachim Ernst Berendt seine Sammlung überhaupt Darmstadt überlassen hat – wo er doch gar kein Darmstädter war:

Das Jazzinstitut Darmstadt in Bessungen. Von Anfang an sei klar gewesen, dass das Kavalierhaus des ehemaligen Jagdhofs kein Elfenbeinturm werden soll, betont Direktor Wolfram Knauer.

Das renommierte, in Bessungen gelegene Jazzinstitut Darmstadt wird 20 Jahre alt. Der Keim des 1990 gegründeten Jazzinstituts wurde aber schon 1983 gelegt. Günther Metzger war Oberbürgermeister und entwickelte die Idee, die Sammlung des Internationalen Musikinstituts Darmstadt um die Jazzsammlung des Jazzkritikers und Produzenten Joachim Ernst Berendt (*1922; †2000) zu erweitern. „Jazzpapst“ Berendt war kein Darmstädter, er war von 1945 bis 1987 Redakteur beim Baden-Badener Südwestfunk (SWF, seit 1998 SWR) und weltweit einer der dienstältesten Jazzredakteure. In Darmstadt aber war SWF-Kollege Friedrich Hommel. Der Chef der Südwestfunk-Musikabteilung war zwischen 1982 und 1994 Leiter des Internationalen Musikinstituts Darmstadt. Und über diesen Kontakt kam die Sammlung nach Südhessen.

Die Berendtsche Sammlung mit Schallplatten, Büchern, Zeitschriften, Fotos und Plakaten war so erst im Internationalen Musikinstitut und 1988 Grundlage der Mathildenhöhenausstellung „That’s Jazz. Der Sound des 20. Jahrhunderts“. Das Archiv wuchs und die Stadt entschloss sich ein selbstständiges Jazzinstitut zu gründen.

Start mit Steckdosenplanung
1990 war es soweit, das Jazzinstitut Darmstadt startete mit provisorischen Räumen im John F. Kennedy-Haus, dem heutigen Literaturhaus in der Kasinostraße 3. Direktor wurde der damals 32 Jahre alte Kieler Musikwissenschaftler Wolfram Knauer. Aber der Umzug in die Bessunger Straße 88d war schon geplant. „Eine meine ersten Amtshandlungen war Steckdosen auf einem Grundriss des Kavalierhauses einzuzeichnen“, erinnert sich Knauer im Gespräch. Der Kieler, der 1989 seine Doktorarbeit über „Zwischen Bebop und Free Jazz – Komposition und Improvisation des Modern Jazz Quartetts“ geschrieben hatte, kam über eine Ausschreibung in der Wochenzeitung „Die Zeit“ auf Darmstadt. „Ich dachte, da hat jemand meinen Lebenslauf beschrieben“, erzählte der Musikwissenschaftler, als er damals die Stellenausschreibung gelesen hatte.

Lobbyarbeit für den Jazz
Das Institut bringt Theorie und Praxis zusammen. Von Anfang an sei klar gewesen, dass das Kavalierhaus kein Elfenbeinturm werden soll, betont der Direktor. „Für uns macht die Arbeit auf den unterschiedlichen Ebenen den Spaß aus.“ Das Institut ist offen für Recherchen und Anfragen. „Jeder, der irgendetwas über Jazz wissen will kommt irgendwann auf uns“, sagt Knauer. Und so kommen täglich zwischen 100 und 120 Anfragen aus der ganzen Welt über Telefon, E-Mail oder Post. Alle zwei Jahre bringt das Institut einen „Wegweiser Jazz“ heraus, mit Adressen und Informationen zum Jazz in Deutschland, eine ganz praktische Hilfe für die Musiker. Ebenfalls im zwei Jahresrhythmus tagt das Darmstädter Jazzforum. Die Vorträge werden in der Buchreihe „Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung“ dokumentiert.

November 2006 – Jazzinstitut Direktor Wolfram Knauer stellt das Buch ‚Jazz goes Pop goes Jazz‘ vor und zeigt OB und Kulturdezernent Walter Hoffmann aus dem Fundus die Trompete des Jazztheoretikers Carlo Bohländer.

Jazz ist auch immer noch aktuell, einerseits durch seine Musik, aber auch durch seine Bedeutung in der Musiktheorie. Jazz ist die Grundlage für die gesamte Pop-Musik bis hin zum Hip-Hop. Beispielsweise ist das Setzen von Riffs oder Harmonien, von Jazz-Musikern entwickelt worden. Ein Riff ist eine prägnante Ton- oder Akkordfolge wie beispielsweise der Anfang von Deep Purples „Smoke on the water“.

„Knotenpunkt im Jazz-Netzwerk“ – Lob von Nord bis Süd
Das Jazzinstitut ist nicht nur durch die vielleicht durch Lokalpatriotismus getrübte Darmstädter Brille eine tolle Einrichtung, sein guter Ruf geht von Schleswig-Holstein bis Bayern. „Das Jazzinstitut ist für den Jazz und seine gesellschaftliche Bedeutung von höchster Relevanz“, sagt Rainer Haarmann, künstlerischer Leiter von „JazzBaltica“. Beim schleswig-holsteinischen Jazzfestival „JazzBaltica“ treten seit über einem Jahrzehnt zahlreiche renommierte internationale und lokale Künstler auf. „Auch das Archiv ist von großer wissenschaftlicher Bedeutung“, sagt Haarmann. „Und jeder Austausch mit Dr. Knauer ein Gewinn.“

Lob kommt auch von der Donau. „Die geschätzten Kollegen des Darmstädter Jazzinstituts gestalten einen wichtigen Knotenpunkt im weltweit gespannten Netzwerk des Jazz“, bestätigt Sylke Merbold vom Bayerischen Jazzinstitut aus Regensburg. Merbold lobt auch das Engagement der Mitarbeiter. „Groß macht das Jazzinstitut nicht allein sein Thema, sondern auch seine rührigen Vertreter, allen voran Dr. Knauer, die ihr Thema nicht bearbeiten, sondern leben.“

Louis-Armstrong-Professur
2008 war Wolfram Knauer der erste europäische Louis-Armstrong-Professor an der New Yorker Columbia University. Die Professur ist nicht zwingend mit Jazz verbunden, der Name kommt daher, dass sie von der Louis-Armstrong-Stiftung bezahlt wird. Knauers Vorgänger waren neben Musikern auch Historiker oder Journalisten. Ziel der Professur ist Fachwissen von außen an die Uni zu bringen. Knauer hielt dort unter anderem ein Seminar zu „Jazz in Europe/European Jazz“.

„Junge Musiker sind weniger schrankenborniert“
Wer Schwierigkeiten mit Jazz hat, dem empfiehlt Knauer ein Konzert. „Jazz ist eine Live-Musik. Man tut Menschen einen Gefallen, wenn man sie mit ins Konzert nimmt.“ Jazz von CDs oder Platte sei schwerer zu erleben,weil die Musiker auf ihr Publikum reagierten. „Am Anfang des Abends wissen beide Seiten nicht, wo es hingeht.“ Daher sei es auch gut und wichtig, dass das Institut seinen eigenen Konzert-Gewölbekeller habe, betont Knauer. Dass Jazz einen elitären Ruf hatte, sei teilweise von den Musikern selbst gefördert worden, erklärt der Forscher. Auch mit Blick auf die besseren Gema-Vergütungen für E-Musik (ernsthafte Musik). „Manche haben ganz bewusst versucht sich da einzuordnen. Junge Musiker sind heute weniger schrankenborniert.“