Metaebene: Lokalteil, heikel und nicht heiter

Der Darmstädter Sportdezernent und Bürgermeister Rafael Reißer fordert die Sportvereine zur Kooperation auf. Eine Kollegin hat konkret bei drei Vereinen in und nahe Kranichstein nachgefragt, wie das denn so aussieht mit der Zusammenarbeit. Kurz: Schlecht.

Echo Online: Die Vertrauensbasis ist nicht vorhanden – DJK/SSG, SV Blau-Gelb und TG 1875 sind nicht zur Kooperation bereit

Jetzt die Metaebene: Im Lokalen können meiner Erfahrung nach solche Artikel mit Blick auf Reibereien zwischen Vereinen ganz schnell heikel werden. Da kann man noch so fair schreiben, am Ende kann ein Verein glauben, als „der Böse“ rüber zu kommen, und man hat als Journalist einen Feind fürs Leben.

Da man sich ja im Lokalen laufend wiedersieht, kann das blöd sein.

Ich schrieb mal vor vielen Jahren was über die Hauptversammlung des Sportvereins A (keiner der drei oben erwähnten). Am nächsten Tag wollte Verein B – der auf der A-Versammlung auch kritisch erwähnt worden war – seine Version der Geschichte gedruckt haben. Verein B vermutete in seiner Mail an die Redaktion auch gleich Konspiration meinerseits, Weiterlesen

Darmstadt im Deutschlandfunk

Deutschlandradio Kultur über den Darmstädter Bürgerhaushalt:

Mitmachen lohnt sich – In manchen Städten der Republik funktioniert das Mitmach-Konzept richtig gut, wie der Blick ins hessische Darmstadt zeigt.

Naja, da muss doch beim DLF mehr drin sein als so ein einseitiger Beitrag. Der Beitrag beim „Qualitätsradio“ „mit viel Sendeplatz für den zweiten Gedanken“ scheint mir nicht tagesaktuell sein, also sind meiner Meinung auch etwas mehr zweite Gedanken mit Hintergrund und Kontext möglich – es geht ja auch nur um Darmstadt, es ist kein Bürgerbeteiligungsquerschnitt durch Hessen oder Deutschland. Weiterlesen

Was von der SPD-„Rentenversicherung für alle“ bleibt, wenn es konkret wird

Die SPD will eine Rentenversicherung für alle – steht zumindest in ihrem „Regierungsprogramm 2013-2017“ (PDF, 1,5MB) auf Seite 72:

Soziale Sicherheit und Vorsorge – Mit der Ausweitung des Versichertenkreises in der gesetzlichen Rentenversicherung machen wir einen Schritt zu einer Erwerbstätigenversicherung, in der alle zu gleichen Bedingungen für das Alter und bei Erwerbsminderung versichert sind.

Aber wenn die Genossen an der Regierung sind und es konkret wird, dann wird ein erster möglicher Schritt zur „Erwerbstätigenversicherung für alle“ promt nicht gemacht.

Wie das lawblog hinweist, will Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) auch bei Unternehmen angestellte Anwälte wieder in ihr Versorgungswerk lassen. (Es gab da im April 2014 so ein ärgerliches Bundessozialgerichturteil, das fand, dass diese Firmenjuristen in die gesetzliche Rentenversicherung müssen.) Aber jetzt hat Jurist Maas ein Einsehen mit seinen Standeskollegen.

Legal Tribune Online: Befreiung von der Rentenversicherung wieder möglich – Das seit langem erwartete 14-Punkte-Papier zur Neuregelung des Rechts der Unternehmensjuristen, das Bundesjustizminister Heiko Maas am Dienstag vorgestellt hat, erteilt der Doppelberufstheorie eine Absage, enthält ein Zulassungsmodell und macht den Verbleib der Syndici im Versorgungswerk möglich.

Die gesetzliche Rente ist ja eher doof, das wissen auch die Juristen. Versorgungswerk ist wortwörtlich klasse – da ist man unter sich.

Faz: Syndikusanwälte bangen um ihre Rente – Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungswerke (ABV) erhalten Freiberufler im Durchschnitt Renten, die fast doppelt so hoch liegen wie die gesetzlichen, nämlich bei gut 2.000 Euro im Monat.

Man könnte es natürlich einfach beim Urteil des Bundessozialgerichts bewenden lassen, ganz im Sinne der Versprechens aus dem Wahlprogramm. Warum eigentlich nicht? Vermutlich wiegt ein anderes SPD-Versprechen schwerer, das gilt nämlich immer wenn sie im Bund regiert …

Bezahlung und ihre Anreize

Die Art der Honorierung ist auch eine Art Wette.


In den Kommentaren zu meiner Krautreporterkritik vom Sonntag schreibt Krautreporter Rico Grimm auch etwas zum KR-Honorarsystem:

Rico Grimm: Ich habe bisher 4500 Euro bekommen, also 500 Euro pro Artikel. Wenn Leute nur 1-3 Texte geschrieben haben, haben sie auch nur entsprechendes Honorar bekommen.

Spiegel Online oder Zeit Online würden 180 Euro beziehungsweise 150 Euro zahlen, führt er weiter aus (zum Vergleich). Über die Honorarsätze gibt es nichts zu meckern.

Allerdings Weiterlesen

Kraut von Rüben sortiert – Krautreporter durchgezählt

Ein Tortendiagramm. 35 Krautreporter haben bislang 125 Texte veröffentlicht. Die meisten sind von Tilo Jung.

35 Krautreporter haben bislang 125 Texte veröffentlicht. Die meisten sind von Tilo Jung.

Ich habe mal die Texte auf Krautreporter (KR) durchgezählt. Insgesamt 47 Autorinnen und Autoren sind aufgeführt, davon haben 35 bislang bislang 125 Artikel veröffentlicht. Wer – wie ich – gehofft hatte, Artikel von Jens Weinreich, Richard Gutjahr oder Thomas Wiegold zu lesen, der hat von denen insgesamt fünf Artikel gefunden. Dafür 19 von Tilo Jung. Und zwischen je einem und neun von anderen Kollegen. (Ich habe mich da hoffentlich nicht verzählt, aber es geht um die Größenordnungen.)

Insgesamt sind es vom 24. Oktober (offizieller Start, nachdem am 13. Juni klar war, dass genug Crowd gefunded hatte) bis 3. Januar 2015 125 Texte, 12,5 die Woche, 2,7 pro Autor. Wenn man nur die Aktiven zählt, sind es 3,6 Texte pro Autor.

Meine Meinung: Schlechte Recherche bei zu vielen Texten. Und den Rest Weiterlesen

Die Darmstädter Version des Hauptmann-von-Köpenick-Dilemmas?

Jetzt konnte ich tatsächlich eine relativ alte, selbst erlebte Geschichte verkaufen, weil sie gestern im Stadtparlament einen neuen Dreh bekam:

Vor einigen Jahren bettelte ein Mann mit einer Gitarre Gäste vor dem Café „Salve“ an. Er brauche etwas Geld, damit er die Genehmigung bezahlen könne, um auf der Straße spielen zu dürfen. Das klang natürlich sehr nach einer Hauptmann-von-Köpenick-Varinante (kein Geld für die Gebühr, keine Erlaubnis zum Spielen, keine Einnahmen, kein Geld für die Gebühr, …), also bekam er ein paar Euro.

Ich fragte damals beim Ordnungsamt nach, ob das mit der Gebühr stimme – nun, es stimmte nicht. Aber bald wird es wahr.

Echo Online: Straßenmusiker müssen künftig fünf Euro zahlen

Die Schaumschläger des Jahres: Die Wort des Jahres-Jury

Das Wort des Jahres 2014 ist: Lichtgrenze! Lichtwas? Ja, ein Wort, das Ende des Jahres aufkam für einen singulären Event zum 25. Jahrestag des Mauerfalls. Es beschreibt, wie mit Leuchten der Verlauf der Berliner Mauer zum Jahrestag des Mauerfalls nachgebildet wurde. Hübsch, aber „Lichtgrenze“ soll das Wort des Jahres – des Jahres! – sein?

Für mich disqualifizieren sich die Jurys damit selbst und man sollte einfach mal mit der Berichterstattung aussetzen, bis da vernünftige Kriterien und Relevanzbezüge definiert sind. Ich denke nur daran, wie sie sich 2012 die „Rettungsroutine“ quasi ausgedacht haben …

Der Schatz von Kranichstein – Die DKP blickt auf die „Soziale Stadt“-Förderung

Die „Neue Mitte“ in Kranichstein war das letzte große Projekt des Städtebauprogramms „Soziale Stadt“ in Kranichstein.

1,3 Millionen Euro kostete die „Neue Mitte„, ein Platz in der Kranichsteiner Bartningstraße, der infolge von zwei Planungswerkstätten mit Bürgern und Einrichtungen entstanden war.

In ihrem aktuellen „Blickpunkt Kranichstein“ (PDF, 1,3MB) schreibt die DKP dazu

1,3 Millionen Euro in Beton gegossen – Bei der Besichtigung des Boulevards breche ich in spontanen Jubel aus. Da haben sich die Stadtplaner wirklich was nettes für uns ausgedacht. Sofort mache ich mich auf die Suche nach dem vergrabenen Schatz. Irgendwo müssen die 1,3 Millionen ja liegen. Oder habe ich da was falsch verstanden?

Sonntag (7.) hatte die DKP dann zu einer kleinen Begehung eingeladen. Echo Online: Kritik der Kommunisten an der „Sozialen Stadt“ – „Viel Geld in Beton investiert“: DKP-Mitglieder bemängeln bei Rundgang den Umgang mit Fördermitteln

Rund 7,5 Millionen Euro stecken über das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ in baulichen Maßnahmen in Kranichstein, in Eberstadt sind es um die 7,7 Millionen Euro.

Wo – ich nenne es mal – der „Schatz von Kranichstein“ vergraben ist, haben sich die Genossen (vielleicht unbemerkt) selbst beantwortet. Weiterlesen

Heinertown hört Ende November auf

Die Darmstädter Online-Zeitung „Heinertown“ hört auf, wie der Verlag in einer E-Mail an die Abonnenten mitteilt. Mit dem Tod des Herausgebers Uwe Lorenz am 13. September 2014 habe man „ihren Kopf, Motor und Netzwerker verloren“.

Leider sei es nicht gelungen, ein schlagkräftiges Führungsteam zu finden, erklärt der Verlag, sodass die Online-Zeitung zum 30. November eingestellt wird.

„Heinertown“ war im Frühjahr 2010 gestartet. Ungewöhnlich für eine Online-Zeitung war, dass es sie nur im Abo gab. Allerdings war die Berichterstattung schnell umstritten; Lokalpolitiker sagten mir, sie fänden, dass die Geschichten gerne einen „Dreh“ bekämen. Auch ich hatte das oft Gefühl, dass bei „Heinertown“ der Trend einer Geschichte vorher festgelegt worden war, was dann zu einem … äh, einzigartigen … Stil für eine Lokalzeitung führte. Beispielsweise sorgte man sich bei der Stadt und den Fans des SV98, dass das Stadion rechtzeitig zum Zweitligastart in diesem Jahr wieder bespielbar ist. Aus dieser Mitteilung wurde ein Artikel, den man so verstehen kann, dass der Geschäftsführer der Sportstättenverwaltungsgesellschaft versage.

Ich hatte mich als freier Journalist dort auch mal gemeldet und wurde drei Monate später angerufen. Nachdem mir der Herausgeber die Randbedingungen genannt hatte, hatte ich nach kurzer Nachfrage aufgelegt – ich hatte noch nicht mal nach Honoraren gefragt. (Nachtrag: Und ich muss dazusagen, dass ich es ziemlich dreist fand, nach drei Monaten zu reagieren. Ein Bewerber, der sich nach drei Monaten bei einer Firma meldet, wäre damals ausgelacht worden.)

Und im Spätsommer 2011 mahnte „Heinertown“ einen Darmstädter Blogger ab, der den Stil der Webzeitung kritisiert hatte, was ich dann hier im Blog verfolgte.

Ich fand es erstaunlich, wie „Heinertown“, das gegen alle möglichen Einrichtungen und Parteien austeilte, im September 2011 sehr unsouverän im Einstecken war. Es passte meiner Meinung nach halt nicht zusammen, sich auf Presse- und Meinungsfreiheit zu berufen und dann selber andere deswegen juristisch anzugehen. Eine politische Gruppierung sprach infolge der Geschichte auch nicht mehr mit der Online-Zeitung.

Wo ich „Heinertown“ aber wirklich vorne sah, war bei seinen Artikeln über das Klinikum Darmstadt und den Aktionen des damaligen Chefs. Auch so einige Artikel über die HSE und ihre damaligen Vorstände waren gut. Aber – so mein Eindruck – mit der Geschichte um einen Posten für den Darmstädter CDU-Vorsitzenden im Klinkum ein Jahr nach der Abmahnungsgeschichte, im September 2012, war die Luft aus meiner Sicht irgendwie raus. Zum Schluss – und das auch schon vor dem plötzlichen Tod des Herausgebers – fehlte es meiner Meinung nach schon an Mitarbeitern; viele Meldungen waren redigierte Pressemitteilungen.

Krautreporter spielt Tageszeitung

Bei Krautreporter gibt es eine Interviewreihe „jung&naiv„, die sich dadurch auszeichnet, dass gefragt und geantwortet wird. Kritisch hinterfragt und einsortiert wird da nichts, so wie ich das bislang sehe. Man fragt halt – zum Nahostkonflikt – alle Seiten und publiziert das.

Sorry, aber es mag ja das „jung&naiv“-Konzept sein, aber genau das was da abgeliefert wird, ist das was ich bei KR eben nicht erwartet habe. Nicht einfach das, was man gerade in Block geschrieben bzw. aufgezeichnet hat, 1:1 durchschalten, sondern – weil man Zeit hat, weil man nicht auf den schnellen Klick aus ist – das was da einer einem erzählt, gegenzurecherchieren.

Wo ist denn die Tiefe, die möglich ist, weil man eben nicht auf Anzeigenkunden setzt?

Und nein, nur weil man nachher alle Seiten ein Forum gegeben hat, ist das noch lange nicht die neue Form des Journalismus oder gar die Rettung des Online-Journalismus. Ich möchte doch nicht – gerade bei KR – die mit Fragen unterbrochene Selbstdarstellung einer Gruppe lesen, die ich vermutlich auch auf deren Website am Stück finden könnte.

Das was dort mit der Interviewreihe läuft, kann und macht die lokale Tageszeitung auch. Pressemitteilung z.B. von der SPD redigieren und drucken. Am Tag drauf reagieren CDU, Grüne etc., schicken auch ihre Statements, die man dann wieder redigiert und druckt. Und so weiter und so fort. Nachtrag: Wobei das der Situation geschuldet ist, es ist eben eine Tageszeitung, heute die Meldung, morgen die andere.

Nachtrag: Ich finde, dass dieses Format bei KR nichts zu suchen hat, weil es eben der eigenen Ansage

Es wird ein Korrektorat und einen Faktencheck geben – in Zeiten, da Korrektorate abgeschafft werden. (…) Im Mittelpunkt sollen lieber Recherche, Reportage, Analyse stehen …

fundamental widerspricht. Hier wird aber jeder Leser mit seinen Vorurteilen alleinegelassen und pickt sich – im Endeffekt als Folge der weiterhin bestehenden Ratlosigkeit – wieder das raus, was ihm passt. Das habe ich auch bei SpOn. Oder bei irgendeinem Blog.

Das muss man sich mal durch den Kopf gehen lassen. So eine Ansage, monatelanger Vorlauf und dann keine Zeit für diesen „Faktencheck“ gehabt, geschweige denn mal dran gedacht? Gerade bei einem Thema wie dem Nahostkonflikt?

Nachtrag, 22.12.2014: Ja, nun, das kommt halt davon, wenn wir auf eine Truppe freier Berliner Alpha-Journalisten reinfallen, die irgendwann bei einem Bier die Idee hatten, dass Crowdfunding ihnen ihr Urlaubs- und Weihnachtsgeld einbringen könnte; und sie dafür halt das abliefern, was sie ansonsten kostenlos verbloggt hätten.