Karnevalartikel mal ein bisschen anders

Ich finde es ja schwierig über Karnevalssitzungen zu schreiben. Die haben über ein Dutzend Nummern und ich so zwischen 100 und 120 Zeilen Platz. Also jede Nummer 10 Zeilen und fertig? Das kann es auch irgendwie nicht sein.

Also guckte ich mal beim KV Weiterstadt auf die Jugendarbeit, um den Artikel über die Sitzung zu ergänzen. Der KVW ist ein eigener Verein und keine Abteilung eines größeren Sportvereins und hat fünfeinhalb Jugendgruppen.

Denn der auf Feierstunden gerne betonte Wert der Jugendarbeit ist keine Phrase, wie ein Blick auf den Darmstädter Carnevalclub (DCC) zeigt. Der DCC hatte nämlich angekündigt, seine Damen- und Herrensitzungen mangels Jugend einzustellen.

Echo online: Die letzten Büttenreden beim DCC

Dafür waren zugebuchte Gruppen dabei – die aber auch wieder sehr gut, wie beispielweise das Tanzcorps Rot-Weiße Funken Frickhofen (Landkreis Limburg-Weilburg). Überwindet die Abneigung gegen Gardetanz und guckt euch den Sprung der zwei Dutzend Frauen bei 1:29 im Video an. Das kann nicht jede Garde.

Die DCC-Stärken lagen bei ihren Protokollen und die für ihren Spott berüchtigten DCC-Singers mit gut geschriebenen Texten. Und die werden fehlen.

Karneval

Der Weiterstädter Rathaussturm ist ein Sturm auf die Stadtbibliothek – das Rathaus liegt nicht so schön zentral. Mit der Eroberung des Gebäudes beginnt in Weiterstadt die Sitzungsphase der Karnevalsvereine.


Jetzt ist wieder Karneval. Einige lieben es, andere … naja. Ich berichte ja immer wieder von den Sitzungen. Dabei scheint auch den Zeitungen die Ambivalenz des Themas bewusst zu sein, denn 2013 hatte das Echo seine Leser befragt. Weiterlesen

Unterwegs beim Kampagnenauftakt

Es geht wieder los: Karneval. Samstag war ich in Weiterstadt. Echo Online: Mit einem Frühstart in die Fastnacht

Als Showact hatte der KV Weiterstadt die Partysängerin Ina Colada engagiert. Der Auftritt des Energiebündels war am Anfang etwas laut abgestimmt, fand ich.

Und da bestimmt mal einer fragt, wegen Karneval uns so. Ok, ich bin kein Fastnachter, aber eigentlich ist das alles ganz ok. Nur finde ich die normalen Sitzungen einfach zu lang. So ein Kampagnenauftakt hat mit drei bis vier Stunden meiner Meinung nach die richtige Länge. Ich sehe natürlich auch, dass die Vereine viele Gruppen und Aktive haben und die alle im Programm unterkommen müssen – was es dann wieder lange Sitzungen bedeutet.

Mal kein Pferd auf dem Flur – Karnevalsberichte im Lokalteil

Blogger Thomas Trappe bietet eine Mustervorlage für einen Artikel über eine Karnevalssitzung an. Zugegeben, manchmal bis oft ist man an Bratwurstjournalismus mit Narrenkappe nah dran, und die Versuchung fürs nächste Jahr Textbausteine zu erstellen ist wirklich groß. Aber ich hatte das auch schon anders angepackt. Man hat ja auch einen eigenen Anspruch, weil man nach ein paar Sitzungen dazugelernt hat und nicht immer das gleiche abliefern will – so ganz frei von Selbstwahrnehmung ist man schließlich auch im Lokalen nicht.

Männerballett in Variationen – bis zum Striptease
KC Eiche: Damensitzung unter dem Motto „Einmal um die ganze Welt“ – Bewusster Verzicht auf Büttenreden.

Mit den Worten „Same procedure as every year“, bekommt Tontechniker Bernd Rohr vor der KC-Eiche-Damensitzung eine weitere Musik-CD in die Hand gedrückt. Das Männerballett vom Griesheimer CVS St. Stephan ist wie jedes Jahr bei der Sitzung des Karnevalsclub Eiche in der Heimstättensiedlung mit dabei. Der Abend steht unter dem Motto „Einmal um die ganze Welt“, aber tatsächlich ist es Männerballett in Variationen – von Männern in Frauenkleidern über Akrobatik bis zum Striptease. Kein Platz im Programm ist für Protokoller oder Büttenreden reserviert.

Nachdem „Calypso Sun“ aus Oberwalgern mit ihren Versionen von Udo-Jürgens-Schlagern die Sitzung eröffnet haben, überschlagen sich die Männer auf der Bühne. Die vierzehn Jungs von „Flying Energy“ aus Weiterstadt wirbeln in roten Rennfahreranzügen zu „Gib Gas, ich will Spaß“ über die Bühne, die ersten Zuschauerinnen stehen schon auf den Bänken und klatschen begeistert mit.

Susanne Röhrich, Heike Binder und Erika Märzendorfer besuchen den KCE seit Jahren. „Wir werden sehen, wie lange die Schminke hält”, sagen sie über ihre Maskierung. Sie finden den Abend „superspitze“. Ganz Lokalpatriotinnen, loben sie die „Marsch Mellows“ und „Zu Schee“-Auftritte. Das KCE-Trommlercorps und das KCE-Männerballett feiern in diesen Jahr ihr elftes Jubiläum.

Bei den „Mühlbachräubern“ aus Schneppenhausen, die als tanzende Polizisten Räder schlagen, fallen in der Zugabe die Hemden und die Hosen. Und als die Truppe in knappen Shorts ihre Gummiknüppel schwingt, kocht die Stimmung im Saal.

Milena Schreiber ist „etwas enttäuscht“. Sie und ihre Freundin Traudel Luley vermissen die Büttenreden. „Lachen übers Alltagsgeschäft und Politik gehören auch dazu“, finden die beiden als Touristinnen verkleideten Büttelbornerinnen.

René Krieger, Pressewart vom Karnevalsclub Eiche erklärt: „Büttenreden bei der Eiche-Damensitzung kann man vergessen. Die wollen nur Party machen.“ Das Publikum habe den Rednern einfach nicht zugehört und geschwätzt, deswegen habe man auf die Reden verzichtet. Cowgirl Katrin Bozenhard aus Rüsselsheim und Chinesin Karina Müller aus Bischofsheim finden das richtig. „Geil, keine langweiligen Vorträge. Stimmung pur.“

Und so geht der Abend weiter mit johlenden Zuschauerinnen, die von den Bänken nicht mehr runterkommen. Auch die beiden Damen aus Büttelborn gehören dazu.

In der Schlussnummer der Sitzung geht es noch mal richtig zur Sache. Nach der Frage „Are you ready for this?“ fliegen unter krachenden Donnerschlägen – und Jubel aus dem Publikum – die Mäntel der „Top Guns“-Showtänzer in die Ecke und legen muskulöse Oberkörper frei. Und nicht nur die.

Mit jedem fallenden Kleidungsstück beantworten die Tänzer die „Was steckt darunter“-Frage immer mehr, auch wenn sie den Damen die letzten Details mit US-Flaggen vorenthalten. (erschienen am 16.02.2009 im Darmstädter Echo)