8.2.1914 – Russische Überlegungen zum Bosporus und den Dardanellen

Um mit seiner Flotte das Schwarze Meer verlassen zu können, muss Russland Kontrolle über die osmanisch beherrschten Meerengen Bosporus und die Dardanellen erlangen. Ein jahrhundertealtes Problem für Russland.

Auf einer Sitzung am 8. Februar 1914 entwirft der russische Außenminister Sergei Sasonow eine Überlegung, dass man die Meerengen nur in der Folge eines großen Krieges erobern und dann auch behalten können wird. Denn trotz diverser Einigungen mit Großbritannien, würden die Briten nicht ohne weiteres die russische Flotte im Mittelmeer sehen wollen.
Generalquartiermeister Juri Danilow sagte laut Christopher Clark auf dieser Sitzung:

Wir müssen bestrebt sein, den Erfolg auf dem wichtigsten Kriegsschauplatz sicherzustellen (Anmerkung: Gemeint ist ein Krieg gegen Deutschland oder Österreich-Ungarn). Mit dem Siege auf diesem Kriegsschauplatz würden uns günstige Entscheidungen auch in allen Teilfragen zufallen.

Krieg war damals allerdings ein anerkanntes und gängiges Mittel, um seine Interessen durchzusetzen. Aus heutiger Sicht unglaublich, aber damals waren Überlegungen, wie man sich etwas möglichst geschickt und legitim militärisch aneignen kann, üblich.

Links – Christopher Clarks „Schlafwandler“ in Frankreich, Serbien und das Attentat, Erinnerungskultur, Otto Dix

Gerd Krumeich in der französischen Zeitschrift „L’histoire“ über Christopher Clarks „Schlafwandler“: „L’allemagne contra-attaque„ – La responsabilité de l’Allemagne dans 14-18 ? Pas si grande, explique Christopher Clark dans son dernier livre. Les Allemands l’adorent!

welt.de: Wie sich Frankreich des Ersten Weltkriegs bedient – Die französischen Reaktionen auf neue Deutungen des Ersten Weltkriegs sind verhalten. Statt nationale Heldenmythen aufzugeben, werden schiefe Analogien zur Gegenwart konstruiert.

kulturwest: Wie kam es dazu? – Gegen diese »Clarkerei« streitet Krumeich: »Die Deutschen hatten mehr als andere den Finger am Drücker.« Von Stolpern und Schlafwandeln könne keine Rede sein, sagt Krumeich, auch nicht von »Urkatastrophe«. Das klinge nach Naturereignis. »Der Erste Weltkrieg war alles andere als das.« Sondern Ergebnis damaliger Mentalitäten und Handlungen.

t-online/dpa: Serbien weist Kriegsschuld von sich – Das Attentat werde als Ursache für das bis dato dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte bewusst überhöht und das verheerende Machtstreben Wiens und Berlins dabei verschleiert. Nicht erwähnt wird im Zusammenhang mit diesem Vorwurf freilich, dass auch Belgrad machtpolitische Ziele verfolgte (…)

t-online/dpa: Unterschiedliche nationale Erinnerungskulturen – Für die Franzosen ist die Vereitelung des deutschen Durchmarschs an Marne und Somme ein Symbol des nationalen Widerstandes, Zusammenhalts und Opfermuts. Zumal Frankreichs Rolle im Ersten Weltkrieg im Rückblick weit ungetrübter ist als die im Zweiten, als das Vichy-Regime mit Hitler paktiert hatte.

Reutlinger General-Anzeiger: Der Erste Weltkrieg in den Augen von Dix

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4.2.1914 – Alfred Andersch, der Arno Schmidt vor Darmstadt warnen wird, wird geboren

Der spätere Schriftsteller Alfred Andersch (†21.2.1980) wird in München geboren. Im Zweiten Weltkrieg wird er in US-Kriegsgefangenschaft kommen und nach dem Krieg von den Amerikanern nach Darmstadt gebracht. 1946 ist er Erich Kästners Assistent bei der „Neuen Zeitung“ in München, später Mitglied der „Gruppe 47“.

Aber egal, er wird jedenfalls ein Brieffreund des Schriftstellers Arno Schmidt (18.1.1914-3.6.1979), der 1955 für drei Jahre nach nach Darmstadt kommt. Auch wenn ihn Andersch gewarnt hatte:

Echo online: Kein Ort zum Bleiben – Arno Schmidt und Darmstadt – „die würden allen Künstlern große Renten und Preise geben und da täten sie dann nichts mehr, sondern kämen zusammen und quatschten und söffen nur“.

Der Spiegel wird 1985 auf acht Seiten einen Briefwechsel zwischen Andersch und Schmidt drucken: The Germany kann me furchtbar leckn!!

Zu seinem 100. Geburtstag wiederholt der Saarländische Rundfunk „SR 2“ am Dienstag (4.) 20.04 Uhr ein Gespräch mit Andersch vom 9. Juli 1977.

Links – Lehren & John C. G. Röhl über Wilhelm II.

SZ: Lehren aus dem Ersten Weltkrieg – Letztlich bleibt 1914 eine Warnung (etwa für Präsident John F. Kennedy während der Kuba-Krise 1963). Dieses Jahr erzählt viel davon, wie extrem schief internationale Politik laufen kann, wie schnell alles gehen und was es für furchtbare Konsequenzen nach sich ziehen kann.

Wilhelm-Biograf John C. G. Röhl im SZ-Interview: „Wilhelm II. sah in Hitler seinen Vollstrecker“ – „Der Kaiser widmete sich mit aller Macht der Außen- und Rüstungspolitik. Er scharte ein Sammelsurium von Ratgebern unter sich, die unkoordiniert und unfähig agierten. Diese Männer hatten das Sagen – und das ohne verfassungsgemäße Legitimation.“

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2.2.1914 – Heiner Fleischmann wird geboren

Heiner Fleischmann (†25.12.1963) wird ein bekannter Motorradrennfahrer und mehrfacher Deutscher Meister auf NSU-Motorrädern werden, der 1948 auch an einem Rennen in Dieburg teilnimmt. Dieburg, weil der Darmstädter Motorsportclub (MCD) im zerstörten Darmstadt keine Strecke findet.

Der MCD-Vorsitzende Gustav A. Petermann entdeckt schließlich „die lange Waldgerade (ca. 1 km) der B 26 bei Dieburg“ …

Erinnerungen an das Dieburger Dreiecksrennen (1948 – 55) – Am 24. September 1948 um 10:00 Uhr begann das erste freie Training. Ein unverkennbarer Geruch von Rizinus, Äther und Benzol hing über der Stadt, deren Bewohner im Rennfieber waren. 114 Solo- und 39 Seitenwagenmaschinen hatten gemeldet. Viele Schaulustige und Autogrammjäger umlagerten das Fahrerlager und das Start- und Zielhaus im Forst. Bekannte Fahrer wie „Schorsch“ Meier, Wilhelm Herz, Heiner Fleischmann, Hermann Böhm, Wiggerl Kraus, H.P. Müller usw. waren gemeldet.

2.2.1914 – Die Tanganjikabahn in Deutsch-Ostafrika wird fertig

In der Kolonie Deutsch-Ostafrika (Tanganjika ist der Name für das tansanische Festland) wird die Tanganjika-Bahn eröffnet. Sie verbindet über 1250 km Daressalam am Indischen Ozean mit dem Tanganjikasee.

Und da es gerade um Deutsch-Ostafrika geht und vor dessen Küste die Insel Sansibar liegt: Den „Helgoland-Sansibar-Vertrag“ von 1890 gab es so nicht, er hieß „Vertrag über Kolonien und Helgoland“. Denn Deutschland bekam das für seine strategischen Interessen wichtige Helgoland von Groß-Britannien und klärte einen ganzen Satz Grenz- und Gebietsfragen in Afrika ab. Es geht auch um Sansibar, ein aber selbstständiges Sultanat, das Deutschland den Briten überlässt. Eine damals typische Vereinbarung, hinweg über die Köpfe derer, die es betrifft.

Vertrag zwischen Deutschland und England über die Kolonien und Helgoland vom 1. Juli 1890: Deutschland verpflichtet sich, die Schutzherrschaft Großbritanniens anzuerkennen über die verbleibenden Besitzungen des Sultans von Zanzibar mit Einschluß der Insel Zanzibar und Pemba, …

Dass der Handel als Helgoland-Sansibar-Tausch in die Geschichte einging, lag am vom Kaiser zwangspensionierten Reichskanzler Otto von Bismarck, der von dem Vertrag und seinen Nachfolgern im Amt wenig hielt.

Planet Wissen: Bismarck, der 1884 selbst vergeblich versucht hatte, Helgoland zu erwerben, kritisiert den Handel und den Verzicht auf Sansibar öffentlich als Verlust für Deutschland, um seinen Nachfolger zu diskreditieren.

Links: Parallelen zwischen damals und heute & „Der größte Fehler Englands“

„The Economist“ sieht Parallelen zwischen heute und 1914. In Asien, nicht in Europa. Mit China (Deutschland), Japan (Frankreich) und den USA (Groß-Britannien).

The economist: Look back with angst – Yet the parallels remain troubling. The United States is Britain, the superpower on the wane, unable to guarantee global security. Its main trading partner, China, plays the part of Germany, a new economic power bristling with nationalist indignation and building up its armed forces rapidly. Modern Japan is France, an ally of the retreating hegemon and a declining regional power. The parallels are not exact—China lacks the Kaiser’s territorial ambitions and America’s defence budget is far more impressive than imperial Britain’s—but they are close enough for the world to be on its guard.

Der Politikwissenschaftler Joseph S. Nye sieht diese Parallelen nicht so sehr und sieht auch einen Ausweg.

diepresse.com: Kann sich die Katastrophe von 1914 wiederholen? – Die heutige Welt unterscheidet sich von der Welt von 1914 in mehreren Punkten. Einer ist, dass Kernwaffen für führende Politiker eine Art Kristallkugel sind, die ihnen zeigt, wie ihre Welt nach einer Eskalation aussähe. (…) Die USA haben mehr Zeit, ihre Beziehungen mit einer aufstrebenden Macht zu regeln, als Großbritannien vor 100 Jahren hatte.

The Guardian: Historian Niall Ferguson: Britain entering first world war was ‚biggest error in modern history‘ – „Britain could indeed have lived with a German victory. What’s more, it would have been in Britain’s interests to stay out in 1914 (…)“

Das mag man aus der Rückschau so sehen, aber damals hatte man eben nicht das Gefühl, da abwarten zu können. Es erinnert mich an Texte, die zeigen, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg alleine aus wirtschaftlichen Gründen verlieren musste. Tja, das wusste damals nur keiner und wenn, hätte man es darauf nicht ankommen lassen wollen.

1.2.1914 – Bulgarien braucht Geld

Ende Januar und Anfang Februar 1914 möchte Bulgarien gerne einen französischen Kredit. Allerdings sind die Bulgaren den Franzosen zu freundschaftlich mit Österreich-Ungarn verbunden. Die Bulgaren fragen daher auch bei Deutschland an. In der Regel kaufen die Länder mit dem Geld Waffen.

Christopher Clark und Serbien

Die Gerda-Henkel-Stiftung hat den Südosteuropahistoriker Prof. Dr. Holm Sundhaussen gefragt, wie er Christopher Clarks Beurteilung zu Serbien und den Serben einschätzt:

„Aus Lust am Erzählen gelegentlich überpointierte Aussagen“ – Clarks Werk ist auch als Antwort auf die Arbeiten der „Fischer-Schule“ zu lesen. In Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“ von 1961 taucht der Name des Attentäters von Sarajevo, Gavrilo Princip, auf 700 Seiten nicht ein einziges Mal auf. Nicht einmal eine Fußnote war er wert. Und der Name des damaligen serbischen Ministerpräsidenten Nikola Pašić fällt lediglich einmal und eher beiläufig. Fischers Darstellung war ganz auf die Großmächte, allen voran auf das Deutsche Kaiserreich fokussiert.

Es gibt auch ein Interview mit Gerd Krumeich zum Clark-Buch und seinen Serbien-Kapiteln: „Christopher Clark spricht die Deutschen von der Schuld am Ersten Weltkrieg frei„