Obdachlosenunterkunft mit Konzept

Herr T. war obdachlos und bekam eine Wohnung. Die Miete wurde bezahlt und er erhielt ALG II. „Ich habe das aber nicht gepackt“, erzählt er. Nachdem er eingezogen und die Wohnung eingerichtet war, hielt er es nicht mehr in ihr aus, verschwand aus Köln und lebte wieder auf der Straße und in einer Unterkunft. Zunächst in Alsfeld. „In den drei Monaten überlegte ich, was machste?“, erzählt er, wie er schließlich nach Darmstadt ins Wohn- und Übernachtungsheim der Diakonie in den Zweifalltorweg 14 kam. Denn er will wieder sesshaft werden.

„Der Wohnungsmarkt ist schlecht“, weiß er, „aber das ist gut für mich.“ Denn er weiß auch, dass er Zeit und eine Therapie braucht, damit er nicht wieder aus seiner Wohnung abhaut und sich so Probleme macht, die eigentlich unnötig sind.

Echo online: Das Wohn- und Übernachtungsheim für Obdachlose des Diakonischen Werks in Darmstadt besteht seit 50 Jahren

Links und Fundsachen, 17.9.2018

Der Freitag: Jedes Mal, wenn es zu einem Finanzcrash kommt, erstarken die Rechten und die Populisten. Die Linke profitiert nie davon, dass sie recht gehabt hat – Die wirtschaftshistorische Untersuchung dazu ist von 2016.

Die Welt: Wie nutzen Flüchtlinge Smartphones? – “Flüchtlinge nutzen extra an sie gerichtete Angebote wie arabische Nachrichten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kaum. Das ist wie bei den Welcome-Apps: Woanders gibt’s die Infos bequemer.”

31.7.1914 – Geldprobleme in Russland

Der russische Außenminister Sergej Sasonow telegrafiert am 31. Juli 1914 an die Botschaft in Paris. Die aktuelle Lage sei für die russischen Banken wegen Devisenmangels sehr schwierig. Französischen Banken sollten wenn möglich ihre Forderungen aufschieben.

19. Juli 1914 – “Die bevorstehende diplomatische Aktion gegen Serbien”

Während in Österreich-Ungarn noch beraten wird wie das Ultimatum zu formulieren ist, sind die k.u.k-Absichten auch in Serbien bekannt. Ministerpräsident Pasic schriebt an seine Gesandschafgten mit Blick auf die kommende Post aus Wien:

Wir können diese Forderungen nicht akzeptieren, die kein anderes Land, das die eigene Unabhängigkeit und Würde achtet, akzeptieren würde.

Wobei das Österreich-Ungarn natürlich in die Kriegspläne spielt, andererseits weiß Serbien Russland an seiner Seite und kann was riskieren.

In Wien treffen sich am 19. Juli einige Minister, um das Ultimatum zu beraten. Die Gruppe trifft sich in Berchtolds Palais Strudelhof, um laut Christopher Clark, unauffällig zu bleiben. Über den Text beraten mit Berchtold, der österreichische Ministerpräsident Graf Stürgkh, der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza, der gemeinsame Finanzminister Dr. Ritter von Bilinski, der Kriegsminister Ritter von Krobatin, der Chef des Generalstabes Freiherr Conrad von Hötzendorf, der Stellvertreter des Marinekommandanten Konteradmiral von Kailer und als Schriftführer Legationsrat Graf Hoyos.

18. Juli 1914 – Russland weiß vom Ultimatum

Am 18. Juli haben der deutsche Kaiser und der russische Außenminister etwas gemeinsam: Sie erfahren was über die k.u.k Ultimatumspläne an Serbien. Nur für den aus dem Urlaub kommenden Sasonow ist das neu und für den noch urlaubenden Kaiser ein Update.

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten im kaiserlichen Gefolge: Nach Mitteilung der Botschaft Wien wird österreichisch-ungarische Demarche in Belgrad am 23. d. M. erfolgen.

Sasonow spricht mit dem k.u.k.-Botschafter Graf Friedrich von Szápáry. Szápáry telegrafiert noch am 18. Juli an seinen Außenminister, den Grafen Berchtold. Nach dem was Szápáry schreibt, hatte der russische Außenminister durchblicken lassen, dass er was weiß. Weiterlesen

18. Juli 1914 – Nibelungentreue mangels besserer Verbündeter?

Gottlieb von Jagow schreibt am 18. Juli 1914 an den deutschen Botschafter Max von Lichnowsky in London einen langen Brief. Tenor: Man habe gerade keinen anderen Verbündeten mehr als die sieche („das sich immer mehr zersetzende Staatengebilde“) Donaumonarchie. Österreich-Ungarn müsse mit Blick auf den russischen Einfluss auf den Balkan aber jetzt unterstützt werden. Und dann kommen die strategischen Überlegungen zur wachsenden militärischen Stärke Russlands, das jetzt noch keinen Krieg brauchen könne, sowie dass die Entente auch keinen Krieg wolle.

Zu einem vollen Erfolg bietenden Verhältnis zu England sind wir leider noch immer nicht gekommen, konnten nach allem, was vorausgegangen, auch gar nicht dazu kommen – wenn wir überhaupt je dazu kommen können. (…)

Österreich, welches durch seine mangelnde Aktionskraft mehr und mehr Einbuße an seinem Ansehen erlitten hat, zählt schon jetzt kaum mehr als vollwertige Großmacht. Die Balkankrise hat seine Stellung noch geschwächt. Durch dieses Zurückgehen der österreichischen Machtstellung ist auch unsere Bündnisgruppe entschieden geschwächt worden. (…)

Dann würde der Prozeß seines Dahinsiechens und inneren Zerfalls noch beschleunigt. Seine Stellung im Balkan wäre für immer dahin. Daß eine absolute Stabilisierung der russischen Hegemonie im Balkan indirekt auch für uns nicht admissibel ist, werden Sie mir wohl zugeben. Österreichs Erhaltung, und zwar eines möglichst starken Österreichs, ist für uns aus inneren und
äußeren Gründen eine Notwendigkeit. Daß es sich nicht ewig wird erhalten lassen, will ich gern zugeben. Aber inzwischen lassen sich vielleicht Kombinationen finden. (…)

Je entschlossener sich Österreich zeigt, je energischer wir es stützen, um so eher wird Rußland still bleiben. Einiges Gepolter in Petersburg wird zwar nicht ausbleiben, aber im Grunde ist Rußland jetzt nicht schlagfertig. Frankreich und England werden jetzt auch den Krieg nicht wünschen. In einigen Jahren wird Rußland nach aller kompetenten Annahme schlagfertig sein. Dann erdrückt es uns durch die Zahl seiner Soldaten, dann hat es seine Ostseeflotte und seine strategischen Bahnen gebaut. Unsere Gruppe wird inzwischen immer schwächer. In Rußland weiß man es wohl, und will deshalb für einige Jahre absolut noch Ruhe. (…)

Ich hoffe und glaube auch heute noch, daß der Konflikt sich lokalisieren läßt. Englands Haltung wird dabei von großer Bedeutung sein. Ich bin vollständig überzeugt, daß die öffentliche Meinung dort sich nicht für Österreichs Vorgehen begeistern wird, und erkenne alle ihre Argumente in dieser Hinsicht als richtig an. Aber man muß tun, was irgend möglich ist, daß sie sich nicht zu sehr für Serbien begeistert, denn von Sympathie und Antipathie bis zur Entfachung eines Weltbrandes ist doch noch ein weiter Weg (…)

17. Juli 1914 – Links

kurier.at: Medienberichte prophezeien bereits, dass “die alte Monarchie in furchtbarem Brande zusammenbricht” – “Oesterreich-Ungarn geht es schlecht! Serbien ist uns feind. Das albanische Experiment ist mißglückt, Rumänien hat sich von uns abgewendet. Rußland erstarkt. Italiens sind wir nie sicher.”

welt.de: Österreichs Politiker pokern hoch – Österreichs Außenminister Leopold Graf Berchtold will das Ultimatum an Serbien so terminieren, dass Frankreich und Russland sich nicht darüber verständigen können, weil der französische Präsident dann gerade auf See ist.

Der Vorwärts: Der französische Militarismus – Der Militarismus verhindert die von der Bevölkerung gewünschte Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich. Dabei verbreiten vor allem französische Politiker die Angst, Frankreich sei nahezu wehrlos. Die deutsche Reaktion auf die französische Aufrüstung folgt prompt.

16. Juli 1914 – Telegramm aus London: “Eine Politik , die ich als eine abenteuerliche ansehe”

Der SPD-Parteizeitung “Vorwärts” fällt am 16. Juli 1914 auf, dass das k.u.k.-Außenministerium viel ruhiger ist als während der Annektionskrise 1908 und der Balkankriege 1912 und 1913.

Während der Ballplatz damals mit dem Aufgebote eines argen Lärms arbeitete, kein Mittel zur Erregung der Leidenschaften verschmähte und seine „Entschlossenheit“ in den grellsten Farben malte, befleißigen sich die offiziellen Kreise diesmal einer Zurückhaltung, die man loben müsste, wenn man hoffen dürfte, dass sie echt sei. (…) Aber das bange Gefühl, dass im Dunklen eine schwere Gefahr lauert, will nicht weichen.

Der Artikel ahnt, dass Österreich-Ungarn was von Serbien haben wollen wird und hat Verständnis.

Wenn sich Österreich auf das Begehren beschränken sollte, dass man in Serbien diejenigen, die zu der Sarajevoer Mordtat Beihilfe geleistet haben, zur Verantwortung zieht, so wäre dagegen nichts einzuwenden und könnte dagegen niemand einen ernstlichen Einwand erheben.

Befürchtet aber, dass Österreich-Ungarn mehr will und kritisiert zugleich Großserbien-Pläne.

Nun möchten wir es mit aller Deutlichkeit wiederholen, dass wir diese Agitation, die auf die Vereinigung aller serbischen Gebiete zu einem Staate ausgeht, gleichgültig welche „idealen“ Motive ihr zu Grunde liegen mögen, für eine der schwersten Bedrohungen des Friedens in Europa halten, denn dass ihre Verwirklichung nur in einem Weltkriege möglich wäre, ist wohl klar. (…) dieser unruhvolle und unruhstiftende Staat hat wahrlich nicht wenig auf dem Gewissen.

Und zum fehlgeschlagenen Anschlag auf Rasputin kritisiert der Vorwärts die Zarenfamilie:

Neuerdings scheint vor allem auch die aus Deutschland gebürtige Zarin ein Opfer der geschäftstüchtigen Mystiker geworden zu sein.

In Paris sind die Sozialisten etwas kämpferischer, ihr Vorsitzender Jean Jaurès ruft zum internationalen Generalstreik auf, um einen Krieg zu verhindern.

“Der Kongress sieht unter allen Mitteln, die einen Krieg verhindern sollen, einen gleichzeitigen internationalen Generalstreik (…) als besonders wirksam an.”

Wie man dann sehen wird, wird es leider nicht funktionieren.

Derweil ist die französische Regierung auf ihrer Seereise nach St.Petersburg.

welt.de: Mit Frankreichs Superschlachtschiffen zum Zaren Die Tage auf See nutzte der Präsident dazu, dem Regierungschef einige politische Lektionen zu erteilen (…) Noch wichtiger aber war Poincaré, Viviani außenpolitisch einzunorden: “Ich zeige ihm, dass ich niemals ernsthafte Schwierigkeiten mit Deutschland gehabt habe, weil ich Deutschland gegenüber immer mit großer Entschiedenheit aufgetreten bin.”

Aus Russland berichtet der deutsche Botschafter Friedrich von Pourtalès dem Reichskanzler:

Das Attentat in Sarajevo hat zwar auch hier einen tiefen Eindruck gemacht, und die Verurteilung des schändlichen Verbrechens kam im ersten Augenblick in weiten Kreisen laut zum Ausdruck. Der hier gegen Österreich-Ungarn herrschende tiefe Haß machte sich jedoch sehr bald auch bei diesem traurigen Anlaß geltend, und die Entrüstung über die an den Serben in der österreichisch-ungarischen Monarchie geübte Rache übertönte schon nach wenigen Tagen alle Äußerungen der Teilnahme für den greisen Kaiser Franz Joseph und sein Reich.

Er hatte auch mit dem russischen Außenminister Sergei Sasonow gesprochen und bekam keine Unterstützung für eine Strafaktion gegen Serbien – weil das gar kein “großserbisches Komplott” gewesen sei.

Ebenso bestritt Herr Sasonow, daß, wie österreichischerseits behauptet werde, das Attentat auf ein großserbisches Komplott zurückzuführen sei. Jedenfalls sei in dieser Beziehung bis jetzt nicht das Geringste bewiesen* und es sei im höchsten Maße ungerecht, die serbische Regierung, die sich vollkommen korrekt verhalte, für das Verbrechen verantwortlich zu machen, wie es in der österreichisch-ungarischen Presse geschehe.

Der deutsche Botschafter Max von Lichnowsky in London telegrafiert an den Reichkanzler und rät zur Vorsicht. Er hatte am 15. Juli mit dem britischen Außenminister Edward Grey gesprochen:

Sir E. Grey sagte, alles käme darauf an, welcher Art etwaige Eingriffe sein würden, keinenfalls dürfe eine Schmälerung des serbischen Gebiets in Frage kommen. Er hat auch, wie berichtet, sich daraufhin bemüht, in Petersburg zugunsten der österreichischen Ansprüche zu wirken. Sollte aberin Rußland infolge militärischer Maßnahmen Österreichs eine gewaltig erregte Bewegung entstehen, so würde er gar nicht in der Lage sein, die russische Politik in der Hand zu behalten (…)

Am 16. Juli vermisst von Lichnowsky bei Österreich-Ungarn ein Konzept in der Krise und fragt, ob man die Doppelmonarchie unbedingt unterstützen muss:

Es fragt sich für mich nur, ob es sich für uns empfiehlt, unseren Genossen in einer Politik zu unterstützen,bzw. eine Politik zu gewährleisten, die ich als eine abenteuerliche ansehe, da sie weder zu einer radikalen Lösung des Problems noch zu einer Vernichtung der großserbischen Bewegung führen wird.

Wenn die k.u.k. Polizei und die bosnischen Landesbehörden den Thronfolger durch eine “Allee von Bombenwerfern” geführt haben,so kann ich darin keinen genügenden Grund erblicken, damit wir den berühmten pommerschen Grenadier für die österreichische Pandurenpolitik aufs Spiel setzen, nur damit das österreichische Selbstbewußtsein gekräftigt werde, das in diesem Falle, wie die Ära Ährenthal gezeigt hat, sich als vornehmste Aufgabe die möglichste
Befreiung von der Berliner Bevormundung hinstellt.

Er holt dann ziemlich weit aus und blickt auf die ungarische Revolution von 1848, in den der russische Zar Nikolaus I. eingriff und so die Habsburger rettete.

Sollte aber wirklich für unsere politische Haltung die Ansicht ausschlaggebend sein, daß nach Verabreichung des »Todesstoßes« an die großserbische Bewegung das glückliche Österreich, von dieser Sorge befreit, sich uns für die geleistete Hilfe dankbar erweisen wird, so möchte ich die Frage nicht unterdrücken, ob nach Niederwerfung des ungarischen Aufstandes durch die Hilfe des Kaisers Nikolaus und die vielseitige Inanspruchnahme des Galgens nach Bezwingung der Ungarn bei Vilagos und unter der Oberleitung des kaiserlichen Generals Haynau die nationale Bewegung in Ungarn erdrückt wurde, und ob die rettende Tat des Zaren ein inniges und vertrauensvolles Verhältnis zwischen beiden Reichen begründet hat.

Und das mit dem geheimen Ausformulieren des Ultimatums wird wohl nichts. Nikolai Schebeko, der russische Botschafter in Wien, erfährt laut Sean McMeekin am 16. Juli vom britischen Botschafter de Bunsen etwas über die österreichischen Ultimatumspläne für Serbien.