Links und Fundsachen, 17.9.2018

Der Freitag: Jedes Mal, wenn es zu einem Finanzcrash kommt, erstarken die Rechten und die Populisten. Die Linke profitiert nie davon, dass sie recht gehabt hat – Die wirtschaftshistorische Untersuchung dazu ist von 2016.

Die Welt: Wie nutzen Flüchtlinge Smartphones? – “Flüchtlinge nutzen extra an sie gerichtete Angebote wie arabische Nachrichten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks kaum. Das ist wie bei den Welcome-Apps: Woanders gibt’s die Infos bequemer.”

18. Juli 1914 – Russland weiß vom Ultimatum

Am 18. Juli haben der deutsche Kaiser und der russische Außenminister etwas gemeinsam: Sie erfahren was über die k.u.k Ultimatumspläne an Serbien. Nur für den aus dem Urlaub kommenden Sasonow ist das neu und für den noch urlaubenden Kaiser ein Update.

Der Staatssekretär des Auswärtigen an den Gesandten im kaiserlichen Gefolge: Nach Mitteilung der Botschaft Wien wird österreichisch-ungarische Demarche in Belgrad am 23. d. M. erfolgen.

Sasonow spricht mit dem k.u.k.-Botschafter Graf Friedrich von Szápáry. Szápáry telegrafiert noch am 18. Juli an seinen Außenminister, den Grafen Berchtold. Nach dem was Szápáry schreibt, hatte der russische Außenminister durchblicken lassen, dass er was weiß. Weiterlesen

18. Juli 1914 – Nibelungentreue mangels besserer Verbündeter?

Gottlieb von Jagow schreibt am 18. Juli 1914 an den deutschen Botschafter Max von Lichnowsky in London einen langen Brief. Tenor: Man habe gerade keinen anderen Verbündeten mehr als die sieche („das sich immer mehr zersetzende Staatengebilde“) Donaumonarchie. Österreich-Ungarn müsse mit Blick auf den russischen Einfluss auf den Balkan aber jetzt unterstützt werden. Und dann kommen die strategischen Überlegungen zur wachsenden militärischen Stärke Russlands, das jetzt noch keinen Krieg brauchen könne, sowie dass die Entente auch keinen Krieg wolle.

Zu einem vollen Erfolg bietenden Verhältnis zu England sind wir leider noch immer nicht gekommen, konnten nach allem, was vorausgegangen, auch gar nicht dazu kommen – wenn wir überhaupt je dazu kommen können. (…)

Österreich, welches durch seine mangelnde Aktionskraft mehr und mehr Einbuße an seinem Ansehen erlitten hat, zählt schon jetzt kaum mehr als vollwertige Großmacht. Die Balkankrise hat seine Stellung noch geschwächt. Durch dieses Zurückgehen der österreichischen Machtstellung ist auch unsere Bündnisgruppe entschieden geschwächt worden. (…)

Dann würde der Prozeß seines Dahinsiechens und inneren Zerfalls noch beschleunigt. Seine Stellung im Balkan wäre für immer dahin. Daß eine absolute Stabilisierung der russischen Hegemonie im Balkan indirekt auch für uns nicht admissibel ist, werden Sie mir wohl zugeben. Österreichs Erhaltung, und zwar eines möglichst starken Österreichs, ist für uns aus inneren und
äußeren Gründen eine Notwendigkeit. Daß es sich nicht ewig wird erhalten lassen, will ich gern zugeben. Aber inzwischen lassen sich vielleicht Kombinationen finden. (…)

Je entschlossener sich Österreich zeigt, je energischer wir es stützen, um so eher wird Rußland still bleiben. Einiges Gepolter in Petersburg wird zwar nicht ausbleiben, aber im Grunde ist Rußland jetzt nicht schlagfertig. Frankreich und England werden jetzt auch den Krieg nicht wünschen. In einigen Jahren wird Rußland nach aller kompetenten Annahme schlagfertig sein. Dann erdrückt es uns durch die Zahl seiner Soldaten, dann hat es seine Ostseeflotte und seine strategischen Bahnen gebaut. Unsere Gruppe wird inzwischen immer schwächer. In Rußland weiß man es wohl, und will deshalb für einige Jahre absolut noch Ruhe. (…)

Ich hoffe und glaube auch heute noch, daß der Konflikt sich lokalisieren läßt. Englands Haltung wird dabei von großer Bedeutung sein. Ich bin vollständig überzeugt, daß die öffentliche Meinung dort sich nicht für Österreichs Vorgehen begeistern wird, und erkenne alle ihre Argumente in dieser Hinsicht als richtig an. Aber man muß tun, was irgend möglich ist, daß sie sich nicht zu sehr für Serbien begeistert, denn von Sympathie und Antipathie bis zur Entfachung eines Weltbrandes ist doch noch ein weiter Weg (…)

17. Juli 1914 – Links

kurier.at: Medienberichte prophezeien bereits, dass “die alte Monarchie in furchtbarem Brande zusammenbricht” – “Oesterreich-Ungarn geht es schlecht! Serbien ist uns feind. Das albanische Experiment ist mißglückt, Rumänien hat sich von uns abgewendet. Rußland erstarkt. Italiens sind wir nie sicher.”

welt.de: Österreichs Politiker pokern hoch – Österreichs Außenminister Leopold Graf Berchtold will das Ultimatum an Serbien so terminieren, dass Frankreich und Russland sich nicht darüber verständigen können, weil der französische Präsident dann gerade auf See ist.

Der Vorwärts: Der französische Militarismus – Der Militarismus verhindert die von der Bevölkerung gewünschte Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich. Dabei verbreiten vor allem französische Politiker die Angst, Frankreich sei nahezu wehrlos. Die deutsche Reaktion auf die französische Aufrüstung folgt prompt.

16. Juli 1914 – Telegramm aus London: “Eine Politik , die ich als eine abenteuerliche ansehe”

Der SPD-Parteizeitung “Vorwärts” fällt am 16. Juli 1914 auf, dass das k.u.k.-Außenministerium viel ruhiger ist als während der Annektionskrise 1908 und der Balkankriege 1912 und 1913.

Während der Ballplatz damals mit dem Aufgebote eines argen Lärms arbeitete, kein Mittel zur Erregung der Leidenschaften verschmähte und seine „Entschlossenheit“ in den grellsten Farben malte, befleißigen sich die offiziellen Kreise diesmal einer Zurückhaltung, die man loben müsste, wenn man hoffen dürfte, dass sie echt sei. (…) Aber das bange Gefühl, dass im Dunklen eine schwere Gefahr lauert, will nicht weichen.

Der Artikel ahnt, dass Österreich-Ungarn was von Serbien haben wollen wird und hat Verständnis.

Wenn sich Österreich auf das Begehren beschränken sollte, dass man in Serbien diejenigen, die zu der Sarajevoer Mordtat Beihilfe geleistet haben, zur Verantwortung zieht, so wäre dagegen nichts einzuwenden und könnte dagegen niemand einen ernstlichen Einwand erheben.

Befürchtet aber, dass Österreich-Ungarn mehr will und kritisiert zugleich Großserbien-Pläne.

Nun möchten wir es mit aller Deutlichkeit wiederholen, dass wir diese Agitation, die auf die Vereinigung aller serbischen Gebiete zu einem Staate ausgeht, gleichgültig welche „idealen“ Motive ihr zu Grunde liegen mögen, für eine der schwersten Bedrohungen des Friedens in Europa halten, denn dass ihre Verwirklichung nur in einem Weltkriege möglich wäre, ist wohl klar. (…) dieser unruhvolle und unruhstiftende Staat hat wahrlich nicht wenig auf dem Gewissen.

Und zum fehlgeschlagenen Anschlag auf Rasputin kritisiert der Vorwärts die Zarenfamilie:

Neuerdings scheint vor allem auch die aus Deutschland gebürtige Zarin ein Opfer der geschäftstüchtigen Mystiker geworden zu sein.

In Paris sind die Sozialisten etwas kämpferischer, ihr Vorsitzender Jean Jaurès ruft zum internationalen Generalstreik auf, um einen Krieg zu verhindern.

“Der Kongress sieht unter allen Mitteln, die einen Krieg verhindern sollen, einen gleichzeitigen internationalen Generalstreik (…) als besonders wirksam an.”

Wie man dann sehen wird, wird es leider nicht funktionieren.

Derweil ist die französische Regierung auf ihrer Seereise nach St.Petersburg.

welt.de: Mit Frankreichs Superschlachtschiffen zum Zaren Die Tage auf See nutzte der Präsident dazu, dem Regierungschef einige politische Lektionen zu erteilen (…) Noch wichtiger aber war Poincaré, Viviani außenpolitisch einzunorden: “Ich zeige ihm, dass ich niemals ernsthafte Schwierigkeiten mit Deutschland gehabt habe, weil ich Deutschland gegenüber immer mit großer Entschiedenheit aufgetreten bin.”

Aus Russland berichtet der deutsche Botschafter Friedrich von Pourtalès dem Reichskanzler:

Das Attentat in Sarajevo hat zwar auch hier einen tiefen Eindruck gemacht, und die Verurteilung des schändlichen Verbrechens kam im ersten Augenblick in weiten Kreisen laut zum Ausdruck. Der hier gegen Österreich-Ungarn herrschende tiefe Haß machte sich jedoch sehr bald auch bei diesem traurigen Anlaß geltend, und die Entrüstung über die an den Serben in der österreichisch-ungarischen Monarchie geübte Rache übertönte schon nach wenigen Tagen alle Äußerungen der Teilnahme für den greisen Kaiser Franz Joseph und sein Reich.

Er hatte auch mit dem russischen Außenminister Sergei Sasonow gesprochen und bekam keine Unterstützung für eine Strafaktion gegen Serbien – weil das gar kein “großserbisches Komplott” gewesen sei.

Ebenso bestritt Herr Sasonow, daß, wie österreichischerseits behauptet werde, das Attentat auf ein großserbisches Komplott zurückzuführen sei. Jedenfalls sei in dieser Beziehung bis jetzt nicht das Geringste bewiesen* und es sei im höchsten Maße ungerecht, die serbische Regierung, die sich vollkommen korrekt verhalte, für das Verbrechen verantwortlich zu machen, wie es in der österreichisch-ungarischen Presse geschehe.

Der deutsche Botschafter Max von Lichnowsky in London telegrafiert an den Reichkanzler und rät zur Vorsicht. Er hatte am 15. Juli mit dem britischen Außenminister Edward Grey gesprochen:

Sir E. Grey sagte, alles käme darauf an, welcher Art etwaige Eingriffe sein würden, keinenfalls dürfe eine Schmälerung des serbischen Gebiets in Frage kommen. Er hat auch, wie berichtet, sich daraufhin bemüht, in Petersburg zugunsten der österreichischen Ansprüche zu wirken. Sollte aberin Rußland infolge militärischer Maßnahmen Österreichs eine gewaltig erregte Bewegung entstehen, so würde er gar nicht in der Lage sein, die russische Politik in der Hand zu behalten (…)

Am 16. Juli vermisst von Lichnowsky bei Österreich-Ungarn ein Konzept in der Krise und fragt, ob man die Doppelmonarchie unbedingt unterstützen muss:

Es fragt sich für mich nur, ob es sich für uns empfiehlt, unseren Genossen in einer Politik zu unterstützen,bzw. eine Politik zu gewährleisten, die ich als eine abenteuerliche ansehe, da sie weder zu einer radikalen Lösung des Problems noch zu einer Vernichtung der großserbischen Bewegung führen wird.

Wenn die k.u.k. Polizei und die bosnischen Landesbehörden den Thronfolger durch eine “Allee von Bombenwerfern” geführt haben,so kann ich darin keinen genügenden Grund erblicken, damit wir den berühmten pommerschen Grenadier für die österreichische Pandurenpolitik aufs Spiel setzen, nur damit das österreichische Selbstbewußtsein gekräftigt werde, das in diesem Falle, wie die Ära Ährenthal gezeigt hat, sich als vornehmste Aufgabe die möglichste
Befreiung von der Berliner Bevormundung hinstellt.

Er holt dann ziemlich weit aus und blickt auf die ungarische Revolution von 1848, in den der russische Zar Nikolaus I. eingriff und so die Habsburger rettete.

Sollte aber wirklich für unsere politische Haltung die Ansicht ausschlaggebend sein, daß nach Verabreichung des »Todesstoßes« an die großserbische Bewegung das glückliche Österreich, von dieser Sorge befreit, sich uns für die geleistete Hilfe dankbar erweisen wird, so möchte ich die Frage nicht unterdrücken, ob nach Niederwerfung des ungarischen Aufstandes durch die Hilfe des Kaisers Nikolaus und die vielseitige Inanspruchnahme des Galgens nach Bezwingung der Ungarn bei Vilagos und unter der Oberleitung des kaiserlichen Generals Haynau die nationale Bewegung in Ungarn erdrückt wurde, und ob die rettende Tat des Zaren ein inniges und vertrauensvolles Verhältnis zwischen beiden Reichen begründet hat.

Und das mit dem geheimen Ausformulieren des Ultimatums wird wohl nichts. Nikolai Schebeko, der russische Botschafter in Wien, erfährt laut Sean McMeekin am 16. Juli vom britischen Botschafter de Bunsen etwas über die österreichischen Ultimatumspläne für Serbien.

15. Juli 1914 – Links

arte.tv: Der Wandermönch Grigori Rasputin wird von einer Frau mit zwei Dolchstichen verletzt – Erste Meldungen, dass er erstochen wurde, bestätigten sich nicht.

Berliner Tagblatt: Ein anderer Blick auf Rasputin Gerade Rasputin war es, ausschließlich er und die durch ihn mächtige Hofpartei, die den durch den Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch bereits herbeigeführten Kriegsentschluss – vor zweieinhalb Jahren, während des Balkankrieges – in achtundvierzig Sunden umwarfen. Es war schon das Mobilisierungsdekret unterzeichnet und Militärzüge bestellt. Da kam der sibirische Bauer und wendete mit seiner in einem abgehackten farbigen Volksrussisch sich entladenden Predigt den Weltkrieg ab. (…) Sergei Witte: “Rasputin ist ein absolut ehrlicher und gütiger Mensch, der immer bestrebt ist, Gutes zu wirken und auch sein Geld an Notleidende verteilt.”

kurier.at: Stehen die Zeichen auf Krieg oder Frieden? Die Medien interpretieren die Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Istvan Tiszas unterschiedlich – und die Bevölkerung wird mit profanen Sonderangeboten gelockt.

welt.de: Russlands Botschafter in Wien gibt Entwarnung Die moderaten Signale aus Österreich deuten russische Diplomaten als Zeichen der Entspannung. Die Urlaubsreise des Generalstabchefs scheint zu täuschen.

Echo online: Große und kleine Schlagzeilen

Berliner Tagblatt: Frankreichs mangelhafte Rüstung In Frankreich wird erbittert über den Zustand der eigenen Armee diskutiert – Für uns Deutsche empfiehlt es sich, die aufgeregten Debatten in Frankreich mit kühlster Ruhe, aber aufmerksam zu folgen. Wir sollen nicht alles für bare Münze nehmen, was in einem Augenblicke krisenhafter Aufgeregtheit drüben aufgezählt wird. Aber wir sollen uns auch hüben den Kopf nicht warm machen lassen von den G’schastlerhubern der militärischen Angstmeierei, die die französische „Erzbereitschaft“ ausnützen möchten, um das ehr- und gewinnbringende Geschäft auch nach der großen Wehrvorlage nicht eintrocknen zu lassen.

15. Juli 1914 – Der k.u.k.-Außenminister verrät Österreich-Ungarns Absichten an die Briten – indirekt

Das mit diesem Ultimatum an Serbien, das noch gar nicht ausformuliert war und das bis zu seiner Absendung geheim bleiben sollte, war so eine Sache. Die Absicht war ja schon via Berlin und den deutschen Botschafter in Rom aus Versehen durchgesickert.

Der österreich-ungarische Außenminister bekräftigt nochmal gegenüber seinem Botschafter in Berlin, dass es erst mit der Rückkehr des französischen Präsidenten von seiner Russlandreise veröffentlicht werden soll.

Die ins Auge gefaßte Aktion in einem Augenblick zu beginnen, wo der Präsident als Gast des Zaren in Rußland gefeiert wird, könnte begreiflicherweise als ein politischer Affront aufgesetzt werden, was wir vermieden sehen möchten. Andererseits schiene es uns auch unklug, den komminatorischen Schritt in Belgrad gerade zu einer Zeit zu machen, wo der friedliebende, zurückhaltende Kaiser Nikolaus und der immerhin vorsichtige Herr Sazonow dem unmittelbaren Einflusse der beiden Hetzer Iswolsky und Poincare ausgesetzt wären.

Soviel also zudem zu Berchtolds Meinung über Poincaré.

Und am 15. Juli erfuhren vom Ultimatum aber auch die Engländer – über einen Freund des k.u.k. Außenministers, wie Sean McMeekin schildert.

Außenminister Graf Leopold Berchtold hatte schon am 13. Juli mit Graf Heinrich von Lützow gesprochen, einem ehemaligen österreichischen Botschafter in Italien.

Lützow war zutiefst beunruhigt, was er über Berchtolds Pläne gehört hatte, und er beschloss, mit jemandem darüber zu sprechen.

Und am 15. Juli war Lützow bei seinem Freund Maurice de Bunsen zum Mittagessen – de Bunsen war der britische Botschafter in Wien. Der das zwei Tage später nach London an Arthur Nicolson meldete:

This Government was not going to stand Servian insolence any longer. No great Power could submit to such audacity as Servia had displayed, and keep her position in the world. A note was being drawn up and would be completed when the Serajevo enquiry was finished, demanding categorically that Servia should take effective measures to prevent the manufacture and export of bombs, and to put down the insidious and murderous propaganda against the Dual Monarchy. No futile discussion would be tolerated. If Servia did not at once cave in, force would be used to compel her.

Kurz: Serbien nervt und wenn es nicht spurt, dann knallt’s.

Der französische Präsident Raymond Poincaré macht sich am Abend des 15. Juli zusammen mit mit Ministerpräsident René Viviani auf den Weg nach St. Petersburg. Das war damals etwas umständlich, so ohne Flugzeug. Also reiste er nach Dünkirchen und von dort aus mit dem französischen Kriegsschiff “France” über Nordsee und Ostsee nach Russland.

14. Juli 1914 – Doch ein Ultimatum, aber nicht gleich

Die Regierung von Österreich-Ungarn einigt sich darauf, Serbien ein Ultimatum zu stellen. Idee ist, Forderungen zu stellen, die Serbien als souveräner Staat nicht erfüllen kann oder will. Damit glaubt die Wiener Regierung einen Kriegsgrund zu bekommen. Möglich wurde das, weil der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza seine Meinung geändert hatte.

Außenminister Graf Leopold Berchtold trägt beim Kaiser vor: Es wird nun an die Redaktion der an Serbien zu richtenden Note geschritten, deren Überprüfung in einer gemeinsamen Besprechung erfolgen wird. Nach erzielter Übereinstimmung über die Form dieser Note wird dieselbe Samstag, den 23. in Belgrad überreicht und der serbischen Regierung gleichzeitig eine Frist von 48 Stunden gegeben werden, innerhalb welcher sie unsere Forderungen annehmen muß.

Das ist nicht das Tempo, dass sich die Deutschen wünschen, aber nun berücksichtigen die k.u.k.-Diplomaten die Russlandreise des französischen Präsidenten.

Vortrag Berchtold: Dieses Datum wurde mit Rücksicht auf den Besuch des Präsidenten der französischen Republik bei dem Zaren gewählt, der vom 20. bis 25. Juli dauern soll, da alle Anwesenden meine Auffassung teilten, daß die Absendung des Ultimatums während dieser Zusammenkunft in Petersburg als Affront angesehen werden würde, und daß eine persönlich Aussprache des ehrgeizigen Präsidenten der Republik mit Seiner Majestät dem Kaiser von Rußland über die durch die Absendung des Ultimatums geschaffene internationale Lage die Wahrscheinlichkeit eines kriegerischen Eingreifens Rußlands und Frankreichs erhöhen würde.

Auch wenn Könige herrschen, die öffentliche Meinung ist wichtig. Der deutsche Botschafter in London, Max von Lichnowsky, teilt Berlin mit, dass er die englische Presse nicht so beeinflussen kann, dass die Serben als die Bösen dastehen (den italienischen Botschafter fragt Außenstaatssekretär Gottlieb von Jagow übrigens, wieviel Bestechungsgelder dafür notwendig sind).

Ich habe bereits versucht, in diesem Sinne vertraulich und vorsichtig Fühlung zu nehmen, verspreche mir aber angesichts der bekannten Unabhängigkeit der hiesigen Presse derartigen Einwirkungen gegenüber nur wenig Erfolg.

Er teilt auch mit, dass die liberale britische Regierung in dem Attentat keinen Kriegsgrund sehen wird.

Es wird schwer halten, die gesamte serbische Nation als ein Volk von Bösewichten und Mördern zu brandmarken und ihm dadurch, wie der Lokalanzeiger bestrebt ist, die Sympathien des gesitteten Europas zu entziehen; noch schwerer aber die Serben, wie eine amtliche Persönlichkeit dem Wiener Vertreter des Daily Telegraph gegenüber tut, auf dieselbe Stufe zu stellen mit den Arabern in Ägypten und in Marokko oder mit den Indianern in Mexiko.

Es ist vielmehr anzunehmen, daß die hiesigen Sympathien sich dem Serbentum sofort und in lebhafter Form zuwenden werden, sobald Österreich zur Gewalt greift, und daß die Ermordung des hier schon wegen seiner klerikalen Neigungen wenig beliebten Thronfolgers nur als ein Vorwand gelten wird, den man benutzt, um den unbequemen Nachbarn zu schädigen.

Die britischen Sympathien, namentlich aber die der liberalen Partei, haben sich in Europa meist dem Nationalitätenprinzip zugewandt, (…) Sowohl während der Annexionskrisis als auch im vorigen Winter bei akuten Fragen neigte die hiesige öffentliche Meinung zur Parteinahme für Serbien und Montenegro,(…) So sehr man also auch eine unnachsichtige strafrechtliche Verfolgung der Mörder begreifen wird, so wenig, fürchte ich, wird die öffentliche Meinung dafür zu haben sein, daß man die Angelegenheit auf das politische Gebiet hinüberspielt und sie zum Ausgangspunkt militärischer Maßnahmen gegen ein Volk von Verbrechern macht.

Die Deutschen trauen ihrem Dreibundpartner Italien nicht. Von Jagow schreibt an seinen Botschafter in Wien:

So austrophob im allgemeinen die italienische öffentliche Meinung ist, so serbophil hat sie sich bisher immer gezeigt. Es ist auch für mich kein Zweifel, daß sie bei einem österreichisch-serbischen Konflikt sich prononciert auf Seiten Serbiens stellen wird.

Also wird das bewährte Spiel gespielt: Italien könnte ein Stück Land bekommen, damit es nicht gegen die Aktion gegen Serbien ist, weil es sonst Russland ermuntern könnte, doch Serbien beizustehen

Durch eine Partei-nahme Italiens für Serbien würde fraglos die russische Aktionslustwesentlich ermutigt. In Petersburg würde man damit rechnen, daß Italien nicht nur seinen Bundespflichten nicht nachkommt, sondern sich womöglich direkt gegen Österreich-Ungarn wendet. Italien hat nach seinen Abmachungen mit Österreich bei jeder Veränderung im Balkan zugunsten der Donaumonarchie ein Recht auf Kompensationen.

Der Botschafter in Rom soll mal beim k.u.k-Außenminister vorfühlen, wie es aussieht, wenn Italien das Trentino – nun, das ist ja nur Südtirol – bekommt.

Wie ich streng vertraulich bemerke, dürfte als einzige vollwertige Kompensation in Italien die Gewinnung des Trento erachtet werden. Dieser Bissen wäre allerdings so fett, daß damit auch der austrophoben öffentlichen Meinung der Mund gestopft werden könnte. (…) Ob bei diesem Gespräch die Frage des Trento erwähnt werden kann, muß ich Ihrer Beurteilung und Kenntnis der dortigen Dispositionen anheimstellen.

Dazu passend ein Nachtrag. welt.de: Wiens Serbien-Politik bietet Rom die Chance, ins Lager der Entente zu wechseln

Das mit dem Ultimatum an Serbien muss natürlich geheim bleiben, auch damit sich England und Frankreich nicht so schnell absprechen können, wenn das Ultimatum vorliegt. Nur wissen wir ja, dass schon am 11. Juli über Berlin und den deutschen Botschafter in Rom was durchgesickert ist.

Kaiser Wilhelm II. schreibt an seinen Kaiserkollegen Kaiser Franz Josef und versichert ihm Beistand. Unter Kaisers ist man dann per Du:

Die grauenerregende Freveltat von Sarajevo hat ein grelles Schlaglicht auf das unheilvolle Treiben wahnwitziger Fanatiker und die den staatlichen Bau bedrohende panslawistische Hetzarbeit geworfen. Ich muß davon absehen, zu der zwischen Deiner Regierung und Serbien schwebenden Frage Stellung zu nehmen. Ich erachte es aber nicht nur für eine moralische Pflicht aller Kulturstaaten, sondern als ein Gebot für ihre Selbsterhaltung, der Propaganda der Tat, die sich vornehmlich das feste Gefüge der Monarchien als Angriffsobjekt ausersieht, mit allen Machtmitteln entgegenzutreten. Ich verschließe mich auch nicht der ernsten Gefahr, die Deinen Ländern und in der Folgewirkung dem Dreibund aus der von russischen und serbischen Panslawisten betriebenen Agitation droht, und erkenne die Notwendigkeit, die südlichen Grenzen Deiner Staaten von diesem schweren Drucke zu befreien.

Der sozialdemokratischer “Vorwärts” kritisiert die Rüstungsausgaben in Deutschland und Europa:

Zählt man alle militärischen Ausgaben zusammen, wie es sich gehört, so werden allein die sechs Großstaaten Europas Jahr für Jahr jetzt 10 Milliarden Mark für unfruchtbare Zwecke ausgegeben, und diese Lasten zeigen noch immer, das Bestreben, weiterzusteigen.

Und Italien hat 120.000 Reservisten einberufen:

Die Mobilmachung von mehr als hunderttausend Reservisten in Italien hat im europäischen Ausland für Besorgnis gesorgt. Auf Nachfrage erklärt Rom allerdings, die Mobilisierung finde „mit Rücksicht auf innere Verhältnisse“ statt.