Praktische Anreize vs. Studiengebühren

Neulich stand hier auf dem Luisenplatz das „Biotechnikum“, ein knapp 17 Meter langer Spezialtruck mit Austellung und Biochemie-Labor für Schüler.

Steffen Saebisch (FDP), Staatssekretär im Hessischen Ministerium für. Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung, erklärte beim Pressetermin unter anderem: „Das ‚Biotechnikum‘ ist eine der Strategien, die das Land Hessen fährt, um Abiturienten anzureizen zu studieren.“

Als ich dann fragte, warum man dann nicht einfach definitiv auf Studiengebühren verzichte – Geld ist ein starker Anreiz – erklärte er, dass die Studiengebühren die Menschen nicht am Studieren hindern würden. Wenn man die Motivationen anschaue, machten die Leute lieber eine Ausbildung, weil weil sie sofort Geld verdienen und praktisch arbeiten wollten, erklärte der Staatssekretär.

Na, dann wäre das ja geklärt. (Ok, nicht ganz so schön, wie die Nummer des niederländischen Kollegen mit der Bundeskanzlerin, aber es war ja auch nur lokal und nicht die Bundespressekonferenz.)

(Hessen hat zur Zeit keine Studiengebühren, die rot-rot-grüne Mehrheit hatte die von der CDU beschlossenen Gebühren im Juni 2008 wieder abgeschafft.)

Panoramafreiheit

Da laufe ich einen Weg entlang und stelle fest, dass die Handwerker auf dem Gerüst ein ganz brauchbares Motiv abgeben. Ich mache zwei Fotos, da kommt einer und meint, ich dürfte nicht fotografieren.

Da wurde ich aber pampig. Ich stand auf einem Bürgersteig und habe eine bleibende Gebäudefassade fotografiert. „Da gilt doch Panoramafreiheit„, sagte ich. „Das ist ein öffentlicher Weg und die Männer sind nicht zu erkennen.“ Ja aber, meinte der Mann, der merkte, dass das Fotografierverbot nicht zu halten war, das wäre Baustellenbereich und daher nicht öffentlich. Ich ging einen halben Meter zurück auf den Radweg. „Oder muss ich auf die andere Straßenseite?“ „Ja, da können sie fotografieren.“

Im nachhinein denke ich, dass es besser gewesen wäre, das nicht auszufechte, denn wenn der die Kamera einkassiert hätte, wäre das aufwändiger gewesen, die wieder zu bekommen, als Recht zu behalten.

Falscher Journalist ruft Angeklagten an

Neulich kam in einem Prozess heraus, dass ein Zeuge einen der Angeklagten angerufen hatte, und sich als Journalist einer Frankfurter Zeitung ausgegeben hatte. Der Angeklagte gab an, das Gespräch beendet zu haben, weil er dem Scheinjournalisten nicht glauben konnte, dass der ihm helfen könne. (Wie sich später herausstellte, war der Anrufer ein Bekannter der Geschädigten.)

Na danke, dachte ich mir. Hätte der Angeklagte dem Richter damals von dem ominösen Anruf erzählt, hätte möglicherweise ich den Gericht erklären dürfen, dass ich das nicht war. Denn ich bin der einzige männliche Journalist, der den Prozess beobachtet. Zwei andere Zeitungen haben Kolleginnen geschickt.

Und etwas nicht gemacht zu haben ist immer etwas knifflig zu belegen.

In der Frankfurter Rundschau

Ha, ich stehe mit einem Artikel in der Frankfurter Rundschau.

Ich weiß noch, wie ich mal vor Jahren den lokalen Redaktionsleiter der Frankfurter Rundschau fragte, wie es denn mit freier Mitarbeit aussehe. Aber er hatte nichts für mich, er erzählte mir, dass man sogar auf einen namhaften Kollegen verzichten werden muss, weil dessen Vertrag nicht verlängert werde.

Naja, mein Artikel steht auch nur in der FR, weil die Rundschau seit Juli ihren Darmstadt-Teil mit Echo-Artikeln bestückt. Die Darmstadt-Redaktion wurde vollkommen aufgegeben. Und nun war auch mal einer von mir dabei.

Nachtrag: In dem Artikel hat sich übrigens ein Missverständnis (ich hatte umgekehrt gefragt) eingeschlichen:

Die Linienänderungen aufgrund von Bauarbeiten umfassen einen Zeitraum von 10 Wochen. Der reguläre Betrieb erstreckt sich bis Ende des Jahres voraussichtlich über mehr als 40 Wochen.

Arbeitgeber vs. Auftraggeber

Immer wieder stelle ich fest, wie wenig den Menschen klar ist, was Selbstständigkeit bedeutet. Teilweise vergessen das auch andere freie Mitarbeiter. Eine sprach von ihrem „Chef“, obwohl er der Auftraggeber bzw. deren Kunde war. Gerne werden auch Arbeitgeber mit Auftraggeber verwechselt. Der Arbeitgeber hat Angestellte, für die er Sozialabgaben entrichtet, der Auftraggeber kümmert sich darum nicht.

Kleinigkeiten, von uns allen bezahlt

Heute morgen berichtete das ZDF-Morgenmagazin über den Prozess, über den ich auch schreibe. Und gleich in Cherno Jobateys Anmoderation heute morgen (nicht zu sehen, aber steht auch auf der Website) die erste Nachlässigkeit: Bensheim mit Darmstadt verwechselt.

Und im Beitrag wurden Tombolaspenden (etwa bei 1 Minute 34 Sekunden) zu Geschenken für die Familie Saremi, die Interviews mit der Schwester und dem Vater sind von Mitte September und die Schlägerei-Szenen sind natürlich gestellt, aber nicht gekennzeichnet.

Dass der Prozess noch mindestens bis zum 30. Oktober geht, konnte das ZDF nicht ahnen, aber man hätte den Richter ja gestern mal fragen können. Aber Fernsehen kommt ja nur zum Auftakt und zum Finale – um dann alles erfahren zu wollen und einem – weil man ja so wichtig ist – in seine Interviews dazwischen zu quatschen.

(Sicherlich mache auch ich Fehler, nur kann der Konsument bei mir Konsequenzen ziehen und den Konsum verweigern – ohne auf andere Print-Produkte verzichten zu müssen. Bei den ÖR muss man zahlen, solange man ein Empfangsgerät bereit hält. Und wenn man die ÖR nicht mehr will, muss man auch auf die Privaten verzichten. Das ist wie Leseverbot wegen Zeitungsabokündigung.)

Durchlauferhitzer, oder was?

Liebe PR-Macher,

ich bin kein Durchlauferhitzer (für eure heiße Luft). Ich schlage nicht alles vor, was ihr mir schickt, auch wenn mir dadurch ein Artikel entgeht.

Vor allem nicht, wenn von den letzten drei Geschichten eine verwirrend falsch angekündigt war, die zweite genau so gut einen Anzeige hätte sein können und die dritte ein krudes Elaborat beförderte.

Ich sehe ja ein, dass jeder seine Aufgabe hat, aber da erwarte ich auch genauso ein Einsehen, dass ich bei der Zeitung nicht der sein will, der unreflektiert alles hochjubelt, was man ihm zumailt. Auch ein bisschen Einsicht, welche Stories medioker und welche gut sind sind, ist hilfreich, weil wenn alles „super“ oder „wichtig“ ist, ist alles „langweilig“ und „unwichtig“.

Und wenn ich nicht daran glaube, dass das was ist, dann passiert von meiner Seite nunmal eher wenig. Dann reiche ich das kommentarlos weiter und fertig.

Nebenbei weiß ich, dass PR besser bezahlt wird als Journalismus. Also könnt ihr euch auch ab und zu mal dafür etwas strecken.

Siehe auch: Wir sind hier nicht auf der „Enterprise“

„Soziale Netzwerke“?

Bei meiner Gerichtsreportage stolpere ich über den Begriff „Soziale Netzwerke“. Denn in einem dieser hatte die Nebenklage Fotos entdeckt, die einen der Angeklagten mit Wurfsternen und Totschläger posierend zeigen. Er hatte die Fotos bei seinem Profil eingestellt.

„Soziales Netzwerk“ klingt im Zusammenhang mit Jugendkriminalität aber missverständlich, denn sozial engagiert im bürgerschaftlichen Sinne hatte er sich ja nicht. Da zeigt sich, dass das Wort ein germanisierter Anglizismus (social network service) ist.

Ich hatte dann über Fotos auf seiner Internetseite geschrieben, um das abzukürzen. Nur ist ein Konto bei WasweißichVZ, Facebook, Xing etc. eigentlich keine eigene Internetseite.

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Voller Gerichtssaal – Handy konfisziert

Volle Gerichtssäle wie im Fernsehfilm oder den Gerichtsshows sind irre selten. Und wenn es voll ist, dann bedeutet das für Richter und Wachtmeister erhöhte Aufmerksamkeit. Denn die Zuschauer sind dann meistens da, weil Bekannte, Freunde oder Verwandte vor Gericht stehen oder Opfer waren.

Am Mittwoch war es entsprechend voll, der Fall hat Wellen geschlagen, weil die Familie es nicht einfach hinnehmen wollte, dass der Sohn und Bruder tot ist. Erstmal flogen die Jurastudenten aus dem Saal, die an dem Tag im Landgericht waren, um mal die Praxis zu beobachten; dafür durften die interessierte Öffentlichkeit dann rein. Praktischerweise war die erste Reihe für die Presse reserviert, denn neben den üblichen Schreibern der Lokalzeitungen, waren noch Radio und Fernsehen, teilweise vom gleichen Sender aber verschiedenen Redaktionen, da.

Der Vorsitzende erinnerte auch sofort ans absolute Handyverbot was recht schnell ein Opfer fand: Einen Agentur-Kollegen. Der schrieb auf seinem Smartphone gleich mit – was den Wachtmeister und Richter aber nicht interessierte. Das schlaue Kästchen wurde bis zur Mittagspause eingezogen und ich guckte, dass bei mir auch der Vibrationsalarm aus war.

Da alle Plätze besetzt waren, und vor dem Saal weitere Zuschauer und Journalisten warteten galt zudem die „weggegangen, Platz vergangen“-Regel. Der Kollege vom Radio, der zwischendurch was anderes erledigen wollte/musste musste daher zweimal draußen warten, bis ein anderer ging.

Platz und Inhalt

„Einseitig“, “ nicht objektiv“ oder „tendenziös“, lauten manchmal die Vorwürfe, wenn ein Journalist nicht ganz so schreibt, wie es die Veranstalter oder Teilnehmer wahrgenommen haben.

Erstens: Ja, es ist nicht objektiv, aber das ist keiner. Ich versuche deswegen fair zu schreiben.

Zweitens: Manche Veranstalter verhindern selbst einen guten Artikel, weil sie zu viel auf einmal wollen. Ich hatte mal eine Podiumsdiskussion mit neun (9!) Teilnehmern im Offenen Haus der evangelischen Kirche in der Rheinstraße. Das sind zu viele Teilnehmer, und dann noch Beiträge aus dem Publikum.

Das wird nichts, rein aus Platzgründen. 8 bis 9 Zeilen gehen weg für wer, wann, wo und was. Dann brauchen alleine Namen und Funktionen der Disputanten nochmal 18 bis 20 Zeilen. Das bedeutet bei 100 Zeilen ist mindestens ein Viertel schon weg, bevor es zur Sache gehen kann. Simple Sätze wie „Nicht diskutiert, aber von ihm mehrfach wiederholt, wurde die Forderung […] den Paragrafen 56 der hessischen Verfassung zu ändern und eine Ausbildungspflicht bis zum 18. Lebensjahr festzuschreiben“ brauchen 6 Zeilen. Und für viel mehr ist kaum Platz, denn bei neun Teilnehmern wären – gerecht aufgeteilt – pro Nase 8 bis 9 Zeilen möglich.

Da kann man es nur falsch machen, denn gewichten muss man einige Sätze ja auch noch, und manche sind schlauer als andere. Ich empfehle daher, lieber nur vier oder fünf Teilnehmer (die sich nicht einig sind) für eine Runde einzuladen. Dann kommt auch in der Zeitung was rum.

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