„Für Sie mag das ein blödes Formular sein, für mich ist es das Leben“ – Jugendtheater inszeniert Gefahr der Verwaltung

„Kein Eintritt ohne Gürtel“ steht auf einem Schild im Saal der Petrusgemeinde, „Kein Ausgang“ klebt auf der Tür und an der Wand mahnen weitere Schilder unter anderem seine Adoptionspapiere bereit zu halten. Die Jugendtheatergruppe „Spielbar“ der Petrusgemeinde gab vor rund 90 begeisterten Zuschauern Ramon Piersons Bürokratie-Groteske „Virtual Reality“.

Eigentlich will Nina Otis (gespielt von Lilli Lander) nur eine Genehmigung vom Amt, um auf der Straße musizieren zu dürfen. Aber für die Sachbearbeiterinnen sind die Formulare wichtiger als Logik. „Für Sie mag das ein blödes Formular sein, für mich ist es das Leben“, fertigt Frau Dohlen (Lisa Auerbach) die Blümchenkleidträgerin ab. „Sie haben ein Problem, ich habe das System.“ Bei dem alle Wartenden mitmachen, weil es ja schon irgendwie richtig sein muss, sich irgendwer ja was dabei gedacht haben wird.

Während der Antragstellung geht Ninas Ausweis verloren, wegen einer absurden Bearbeitungsgebühr hat sie kein Geld mehr und wird zur mittellosen Asylsuchenden. Weil Mittwoch ist, kommt sie in der Behördenlogik aus Afrika – weil Mittwochs Afrikaner vorsprechen. „Ich bin keine Afrikanerin“, erklärt Otis und verweist auf ihre Hautfarbe. „Wir dürfen aber nicht über die Hautfarbe anderer Personen diskutieren“, verzerrt die Sachbearbeiterin den Schutz vor Diskriminierung zur zulässigen Drangsalierung. Nina Otis bekommt schließlich Hilfe.

Das Stück kritisiert Bürokratie und Verwaltungsvorschriften, die schnell zu den wahren Herrschern werden. Die Anspielungen – unter anderem mit A-Plaketten – auf reale Systeme wie den Nationalsozialismus wirken etwas holzhammerhaft. Auch ohne das wird deutlich, dass wir auch heute nicht vor Vorschriftenwahn sicher sind, wie beispielsweise Anti-Terrorismus-Sicherheitsbestimmungen zeigen.

Rituale im Stadtparlament

Das Stadtparlament tagt, Zeit für Rituale. Das erste ist – bei einem Parlament etwas überraschend – ein stummes: Mitteilungen des Magistrats gibt es nicht, weder zu Groß- noch zu Millionenprojekten teilt Oberbürgermeister Walter Hoffmann (SPD) einem etwas mit. Aber gut, dazu ist ja während der ganzen Sitzung noch Zeit. Während der man dann auf folgendes wetten kann, dass folgende Dinge stattfinden: Es gibt keine kurzen Debatten. Selbst wenn sich alle einig sind, gibt jeder seinen Senf dazu, weil gilt: Es ist zwar schon alles gesagt, aber nicht von mir.

Der Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Gehrke von der CDU verheddert sich dann bei mindestens einer Abstimmung in den Fraktionsnamen – sind aber inzwischen auch neun Fraktionen.

Die altge- und hochverdiente FDP-Stadtverordnete Ruth Wagner wird nicht müde daran daran zu erinnern, dass gerade dieses Projekt, über das jetzt die Stadtparlamentarier diskutieren, damals von ihr als Staatsministerin – oder zumindest als Landtagsabgeordnete – auf’s Gleis geschoben wurde.

Doris Fröhlich von den Grünen findet in jeder Pfütze einen Grund zu erwähnen, dass Darmstadt doch die Darmbachfreilegung braucht. Und wenn es um ein trockenes Thema geht, dann erfährt jeder, dass Doris Fröhlich Stadtverordnete aus Eberstadt ist.

Wenn Georg Hang von der Alternative Darmstadt ans Pult geht, kratzt er sich im Nacken. „Ich habe da was nicht verstanden“, sind seine ersten Worte, um dann zu zeigen, dass er die Magistratsvorlage durchgerechnet aber sowas von verstanden hat – und das besser als die meisten der Koalitionsabgeordneten.

Zwei Dumme, ein Gedanke

Gestern war ich für eine Stadtteilzeitung im Gemeindesaal der Petrusgemeinde. Die Jugendtheatergruppe „Spielbar“ gab Ramon Piersons Bürokratie-Groteske „Virtual Reality“. Und ich dachte mir so, dass der Satz

„Für Sie mag es ein blödes Formular sein, für mich ist es mein Leben“

eine schöne Überschrift wäre. Und was steht heute in der Tageszeitung? Genau: „Für Sie ist ein Formular, für mich das Leben“

Darmstadtium ist Adventium

Die Frontfassade des Kongresszentrums Darmstadtium ist zur Zeit ein Adventskalender. Jeden Tag um 11 Uhr wird zusammen mit Kindergartenkindern ein Bild enthüllt, das aus dem Archiv Kinderkunst stammt. Das Projekt basiert auf einem Konzept des Kinderkunst-Achivs und ist eine Gemeinschaftsaktion der Sparkasse und des Darmstadtiums.

Epizentrum Kranichstein

Darmstadt bei Spiegel-Online – keine Kunst, war doch diese Woche hier der IT-Gipfel der Bundesregierung. Aber Darmstadt-Kranichstein, das schafft nur Toni Oblaski, vom dortigen SPD-Ortsverein:

Der Ortsverein fordert nicht nur den MdL Michael Siebel auf, bei den Neuwahlen auf eine Kandidatur zu verzichten. Auch Ypsilanti und ihr gesamter Landesvorstand sollen auf ihre Ämter verzichten.

Zitate abgleichen

Da fragte ich die Vortragende noch nach ein paar Namen, damit ich nichts falsch schreibe. Und dann sagte sie: „Ach, nehmen Sie doch mein Manuskript.“ Jetzt kann ich meine sechs Seiten Notizen sogar nachprüfen, ob ich auch die Zitate richtig habe. Eigentlich zu einfach.

Zapf Dingbats‘ Vater

Der Schrift-Gestalter Hermann Zapf feierte am 8. November seinen 90. Geburtstag. Er entwirft seit 1938 Schriften für die in Bad Homburg ansässige Linotype GmbH. Der in Darmstadt lebende Designer hat im Laufe seines bisherigen Lebens mehr als 200 Alphabete entworfen, darunter die Schrift-Klassiker Palatino, Optima, Zapf Chancery und Zapfino. Der Gestalter ist zugleich auch einer der angesehendsten Kalligrafen weltweit: 1960 schrieb er die Ausfertigung der Präambel der Charta der Vereinten Nationen in vier Sprachen für die Pierpont Morgan Library in New York.

Seit Mitte der 30er Jahre beschäftigt sich Hermann Zapf mit der Gestaltung von Schriften. Sein Wissen um den Entwurf von den verschiedensten Alphabeten hat sich der gelernte Retuscheur selbst beigebracht.

1938 veröffentlichte er seine erste Schrift, eine Fraktur-Type mit der Bezeichnung Gilgenart. 1947 ließ er sich in Frankfurt nieder und arbeitete mit der D. Stempel AG zusammen, einer international tätigen Schriftengießerei, die später in die Linotype-Gruppe aufging. Bis 1956 war Hermann Zapf dort künstlerischer Leiter. In dieser Zeit entwickelte er einige seiner wichtigsten Schriftfamilien, wie beispielsweise die Palatino sowie die Optima, die immer noch zu den beliebtesten Schriften weltweit zählen.

In den späten 50er Jahren arbeitete Hermann Zapf als Buchdesigner für verschiedene Verlage, unter anderem für Suhrkamp, den Insel Verlag und den Hanser Verlag. Zeitgleich erwarb sich der Schriftenentwerfer seinen Ruf als herausragender Kalligraf. So schrieb er 1960 die Ausfertigung der Präambel der Charta der Vereinten Nationen in vier Sprachen für die Pierpont Morgan Library in New York.

Als einer der ersten Designer hat sich Hermann Zapf früh mit der Verarbeitung von Schriften durch Computer beschäftigt. Während Hermann Zapf seine Visionen in Deutschland nicht durchsetzen konnte, fielen sie in den USA auf fruchtbaren Boden. Er baute dort eine Brücke zwischen den grundverschiedenen Welten der grafischen Entwerfer und Computerspezialisten. 1972 gestaltete er eines der ersten Alphabete für computergestützten Mengensatz, unter anderem die Marconi Antique, heißt es in der Pressemeldung weiter. 1976 übernahm er eine Professur für „Typographic Computer Programs“ am Rochester Institute of Technology, den weltweit ersten Lehrstuhl dieser Art. Daneben unterrichtete er an der Technischen Hochschule Darmstadt von 1977 bis 1987.

Hermann Zapf arbeitet heute als freier Schriftgestalter für die Linotype GmbH in Bad Homburg. Mit seinen verschiedenen Schriftfamilien zählt er zu den erfolgreichsten Schriftdesignern unserer Zeit, heißt es in dem Schreiben weiter. 1974 bekam er den Gutenberg-Preis der Stadt Mainz. Seit 2003 ist er Honorary Doctor of Fine Arts der University of Illinois. Verheiratet ist er mit Gudrun Zapf-von Hesse verheiratet, die selbst eine renommierte Schriftdesignerin ist und am 2. Januar 2008 ebenfalls ihren 90. Geburtstag gefeiert hat. (PM Stadt Darmstadt)

Nachtrag: Hermann Zapf ist am 4. Juni 2015 gestorben, er wurde 96 Jahre alt. Seine Frau Gudrun Zapf-von Hesse wurde 101 Jahre alt, ist am 13. Dezember 2019 gestorben.

Urkreuze, Urknäul und vierbeinige Hühner – Kulturpädagoge erklärt Hintergründe kindlicher Zeichnungen

„Ein Kind will zeichnen was es weiß, sieht und fühlt“, beschreibt Knut Philipps den Unterschied zwischen Erwachsenen- und Kinderzeichnen. „Die Erwachsenen wollen in der Regel etwas Gegenständliches gezeichnet haben. Kinder zeichnen was sie erleben. “ Mitte Oktober erläuterte der Kunstpädagoge Philipps in der ASB Kindertagesstätte „An der Modaubrücke“ Kinderzeichnungen. Philipps war unter anderem Lehrbeauftragter am Institut für Kunstpädagogik der Johann Wolfgang von Goethe-Universität in Frankfurt.

„In die kindlichen Zeichnungen fließen ein: Beobachtung, Wissen, Wahrnehmung, Vorstellung und Wunschdenken.“ Dabei entwickelten sich die Kinderbilder weltweit gleich. Überall entstünden Kopffüßler, beschrieb Philipps, der auch Vorsitzender des Mühltaler Vereins „Archiv Kinderkunst“ ist.

Er erklärte warum ein Vogel in einer Kinderzeichnung ein Gesicht und vier Beine hat: In der kindlichen Logik sei der Vogel ein Lebewesen wie das Kind, also bekomme er ein Gesicht mit Nase, Mund und Augen. „Und weil es ein Vogel ist, bekommt er auch einen Schnabel.“ Philipps ergänzt die Zeichnung nun um vier Beine und lacht: „Da verzweifeln die Erwachsenen erneut.“ Aber das Kind wisse, dass der Vogel ein Tier sei und ein Tier habe mehr Beine als die Menschen. „Lassen sie sie so denken“, bat er, mit der Zeit lernten die Kinder dazu. Schablonen oder Klischees wie schematische Vögel aus zwei Bögen sollte man vermeiden. Man könne nicht verhindern, dass Kinder damit konfrontiert würden und sie übernähmen, aber man könne Klischees durch Nachfragen aufweichen.

Auch frühe Kinderzeichnungen solle man aufbewahren. Vor allem mit einer kurzen Erläuterung dokumentieren und in eine Mappe legen. „Kritzeln ist nicht kritzeln.“ Man spreche von Hieb- oder Schwungkritzeln, Urkreuzen und Urknäuln. Mit einem Urkäul (zahlreiche kreisförmige Linien) kann das Kind beispielsweise einen Elefanten malten – mit einem langen Strich, der aus dem Urknäul herausgeht. Pars pro toto, erklärt der Kunstpädagoge, der Strich ist der Rüssel und dieser Teil (pars) steht für den ganzen (toto) Elefanten.

Der Kunstpädagoge empfahl den dreißig Zuhörerinnen in den Kindergärten fürs Malen Impulse jenseits der üblichen Häuser-, Schneemann- oder Wiesenbilder zu setzen. Beispielsweise durch das Thema Zähneputzen. „Das schäumt, die Zähne, der große Mund, da haben sie ein fantastisches Bild“, schwärmte Philipps. Und die „leidigen Schablonen“ zum Ausmalen oder Ausschneiden solle man in den Müll zu werfen.

Buch: „Warum das Huhn vier Beine hat“ von Knut Philipps, STMV Verlag, ISBN: 978-3-87820-123-6

Die Danat-Bank in Darmstadt

Wenn man zur Zeit Artikel über die Weltwirtschaftskrise von 1931/32 liest fällt öfters der Name „Danat-Bank“ – die „Darmstädter und Nationalbank, die in Darmstadt als „Bank für Handel und Industrie“ ihren Anfang nahm.

Das Gebäude steht noch, am Steubenplatz. Nach 1932 war keine Bank mehr darin, später wurde es ein Bürogebäude, inzwischen ist es ein Wohnhaus.

Doppelt so viele Zuschauer

Heute waren doch glatt mal doppelt so viele Zuschauer im Gerichtssaal wie sonst: Plädoyers und Urteil im Prozess gegen zwei Frauen aus Ludwigshafen. Die Öffentlichkeit bestand tatsächlich aus vier Zuschauern: Ein Reporter vom Hessischen Rundfunk, einer von der DPA, eine Kollegin für die Lokalpresse aus Mannheim und ich für Darmstadt. Die üblichen Verhandlungstouristen im Landgericht fehlten überraschenderweise.

Ich hatte übrigens mit meiner Vermutung recht: Haft – für beide. Obwohl es nur einen Belastungszeugen gab.

Nachtrag: Es waren der Verteidiger und eine Angeklagte, die das Wort „Zigeuner“ verwendeten.