Westliche Akupunktur – ein Phantasieprodukt?

Seit 1929 – lange bevor sich China für Ausländer öffnete – gibt es im Westen eine eigenständige Akupunktur. Sie geht auf den Franzosen George Soulié de Morant (1878-1955) zurück, der als “Vater der westlichen Akupunktur” gilt. Von diesem stammen auch Begriffe wie “Meridian” und “Energie”.

Soulié de Morant behauptete, Akupunktur in China gelernt und praktiziert zu haben. Ein Beitrag im Deutschen Ärzteblatt weist jetzt nach, dass er in China nie eine Nadel gestochen, wahrscheinlich nie eine Nadelung gesehen hat. Seine Akupunktur war im wesentlichen ein Phantasieprodukt.

Doch die falschen Begriffe “Meridian” und “Energie” prägen bis heute das Verständnis der Akupunktur. Auch andere Konzepte Soulié de Morants (z.B. die “Organuhr” oder Kategorien wie “Tonisierungs- und Sedierungspunkte”) gehören zu den Lehrinhalten der deutschen Akupunkturgesellschaften. Dabei ist vieles davon dem Aberglauben näher als rationaler Medizin.

Dennoch gelang es den Akupunkturgesellschaften, auf dem 106. Deutschen Ärztetag 2003 die “Zusatzbezeichnung Akupunktur” durchzusetzen. Diese steht jetzt erneut zur Diskussion, ebenso wie die Lehrinhalte dafür. Auch die Kompetenz der Akupunkturgesellschaften steht auf dem Prüfstand. Dozenten ohne fundierte Kenntnise des Chinesischen – derzeit fast alle – sind nicht qualifiziert, chinesische Medizin seriös zu unterrichten.

Hanjo Lehmann: Akupunktur im Westen – Am Anfang war ein Scharlatan: Deutsches Ärzteblatt 2010 107 (30). Ausführliche Materialien dazu auf der Website www.tcm.de (Abschnitt: “Aktuell: Soulié de Morant”).